Entgelt

(FENSTER NACHHER BITTE SCHLIESSEN)

Welche Gründe Steven Wineman hatte, sein Buch gratis zur Verfügung zu stellen, ist dem Übersetzer nicht bekannt. Hat er einen Verlag gesucht und nicht gefunden? Jedenfalls hat auch er sich für den Selbstvertrieb entschieden. Und vom Selbstvertrieb in Kombination mit dem freien Hergeben darf man einige Vorteile erwarten, beispielsweise daß das Werk in größerer Zahl verbreitet wird und das fertige Buch weniger Arbeit macht.

Das ehrenamtliche Arbeiten ist dem Autorübersetzer keineswegs fremd, und es war tatsächlich eine Option, Steven Wineman in diesem Punkt zu folgen. Eine Arbeit ohne Entgelt zu verteilen, setzt aber etwas voraus: ein Auskommen mit seinem Einkommen zu haben. Wer damit Mühe hat, wird sich dreimal überlegen, welche Arbeit er verschenkt und welche nicht.

Einkommen und Armut

Das Monatsbudget des Übersetzers sank während der Arbeit am Buch wegen Berentung auf unter 800 Euro. (2017: 803 Euro)

Die Armutsgrenze in Deutschland wurde im Jahre 2014 je nach Sicht mit 920—940 Euro angegeben. Wie der Buchübersetzer lebten zu der Zeit bereits rund 1 Million Mitmenschen in Deutschland von einer Rente mit aufstockender Sozialhilfe. Nach einer Studie des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden waren zu Beginn dieses Jahrzehnts 16 Millionen Menschen in Deutschland arm. Armutsgefährdet sind nach einer anderen, etwas jüngeren Quelle 12 Millionen Menschen. Deutschland hatte im besprochenen Zeitraum etwa 81 Millionen Einwohner.

Es erfordert Phantasie und Nerven, ein Auskommen mit einem Armutseinkommen zu haben. In erster Linie nicht einmal deswegen, weil es so gering ist, sondern am meisten deswegen, weil die mit der Sozialhilfe einhergehenden Gesetze dem Betroffenen so gut wie jede realistische Möglichkeit nehmen, aus der Armutszone jemals wieder hinauszukommen.

Armut und Einkommen

Die deutsche Soziagesetzgebung teilt das zusätzliche Einkommen aus dem Buchverkauf so auf: Die Behörden behalten von den 15 Euro einer verkauften „Untermacht“ 10,50 Euro ein. (Außerdem haben sie bereits ab dem ersten Buch eine Menge bürokratischer Arbeit und theoretisch zwei vielseitige Papierbescheide pro Monat zu erzeugen). Der Autorübersetzer behält bei dem angegebenen Preis 4,50 Euro pro Exemplar und hat ebenfalls eine Menge Bürokratie (etwas ökologischer, da papierfrei).

Das bedeutet generell, daß der als arm Eingestufte mit 70 % eines jeden Euros, den er erarbeitet, geschenkt bekommt oder findet, den Staat rückfinanzieren muß, während die Besteuerung von Rieseneinkommen tabu bleibt. Trifft den als arm Eingestuften ein finanzieller Glücksfall und erbt oder gewinnt er etwas, so hat er je nach Höhe dieses zusätzlichen Einkommens es dem Staat sogar zu 100 % zu überlassen: 10 Jahre Sozialhilfe sind immer zurückzuerstatten, also eine Schuld gegenüber dem Staat (im Falle des Buchübersetzers: 70.000 Euro).

Entscheidungen

Am Ende ist nach reiflicher Überlegung die Entscheidung gewesen: lieber ein paar Euro als null Euro.

Sie sehen aber, daß Sie leider nur den kleineren Teil des Preises für die Arbeit am Produkt ausgeben. Lassen Sie sich davon bitte nicht verstimmen. Nehmen Sie es mit Humor:

Von Ihrem Kauf eines Buchexemplars hat der Übersetzer mehr als von einem 70.000-Euro-Lottogewinn.

Das haben die bundesdeutschen Regierungen dieses Jahrtausends (teilweise sicherlich frühere) gesetzlich verfügt.

Im September 2013, das Buch war gerade fertig und ein Netzauftritt in Arbeit, haben sich von knapp 62 Millionen wahlberechtigten Deutschen 7,7 Prozent für Parteien entschieden, von denen gesetzliche Maßnahmen zur Veränderung dieser Situation wenigstens zu erwarten gewesen wären.

Rückbezieht man das nun auf die gesamte Bevölkerung, so werden im Bundestag 2013-2017 3,8 Millionen Menschen oder 4,7 % der Einwohner Deutschlands von einer solchen Partei vertreten. Nach einem Bericht der Rhein-Zeitung vom September 2012 besaß seinerzeit die Hälfte aller Haushalte nur noch 1 Prozent des Nettovermögens im Land, die reichsten 10 Prozent der Deutschen umgekehrt bereits mehr als die Hälfte des Nettovermögens, dieser Besitz war allein seit 2007 um 1,4 Billionen Euro gestiegen.

Ein Land, in dem eine Machtverteilung herrscht, die zu einem solchen Ungleichgewicht führt und in dem viele der Benachteiligten die Situation durch ihre Entscheidungen selbst mit aufrechterhalten — das führt mitten in die aspektreiche Untersuchung Steven Winemans, die nicht nur Amerikaner betroffen machen muß, meint

Ihr Buchübersetzer

 

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