Gewaltfreiheit

Derselbe Begriff

Gewaltfreiheit (nonviolence) und die Veränderung der Gesellschaft (social change) sind Begriffe, die im Originalbuch bereits im Titel vorkommen. Beide sind auch zentrale Begriffe in der Welt der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg. Dort wurde das Buch bekannt und der Autorübersetzer darauf hingewiesen.

Der deutsche Titel beinhaltet den Begriff „Gewaltfreiheit“ nur noch indirekt, nicht mehr wörtlich. Dennoch basiert das Buch auf einem ausdrücklichen Bekenntnis des Autors zur Gewaltfreiheit und wird der Begriff auch häufig benutzt.

… und verschiedene Bedingungen

GfK-vertraute Leser könnten nun, wenn sie das lesen, womöglich erwarten, daß der Autor das Ziel der Gewaltfreiheit auf einem ähnlichen Weg erreichen will wie die Rosenbergsche Methode ihn liefert. Der Weg wie auch die Geschichte der Gewaltfreiheit des Autors ist jedoch nach dem Verständnis des Übersetzers ein anderer, die Gewaltfreiheit soll hier „politische Gewaltfreiheit“ genannt werden.

Das Buch Winemans richtet sich offenbar an Menschen des linkspolitischen Spektrums seines Landes.

Der Übersetzer hingegen hat versucht, für ein breiteres Publikum und daher in eine breitere Sprache zu übersetzen. Dies geschah in dem Gedanken, daß der Inhalt quasi für jeden Menschen in einer deutschsprachigen Gesellschaft von Bedeutung sein kann, und zwar nicht nur unabhängig von der politischen Verortung des Lesers, sondern sogar unabhängig davon, ob jemand überhaupt ein politisches Selbstverständnis hat.

Der Grad, in dem Deutsche sich als politisch verstehen, mag aus historischen Gründen durchschnittlich niedriger sein als dies bei Amerikanern der Fall ist (ebenso wie beispielsweise die Rolle der Kirchen in den USA eine andere ist). Ebenso ist die Frage, inwieweit Situation und Rezeption der Linken in den USA mit denen der Linken in Deutschland vergleichbar sind, sicher ein interessanter Gegenstand, sprengt aber den vorliegenden Rahmen.

Rosenbergsche Gewaltfreiheit

Die GfK definiert Gewalt als alles Kommunizieren und Handeln, das aus trennendem Denken erfolgt. Trennendes Denken kann grundsätzlich als ein Denken definiert werden, das etwas oder jemanden als falsch, nicht in die Welt gehörig, eine akzeptable Welt verhindernd ansieht. Wenn erkannt wird, daß jedem Versuch, andere oder die Welt zu verändern, nichts anderes als bestimmte eigene (allen gemeine) Bedürfnisse zugrundeliegen, und wenn zweitens erfahren wird, daß zu deren Erfüllung andere zwar beitragen können, nicht aber nötig sind, so wird auch jede Art von Übergriff unnötig. In dem Maße, wie Selbstfürsorge, Selbstverantwortung und neue Erfahrungen wachsen, kann auch ein Zustand der Gewaltfreiheit zunehmend oft erreicht oder länger beibehalten werden.

Die GfK ist dafür bekannt, daß sie für diesen Prozeß sehr präzise Werkzeuge liefert. Interessanterweise wird oft erfahren, daß der Verzicht auf übergriffiges oder trennendes Denken zu überraschenden Verhaltensänderungen des Gegenübers führt, etwas, das andererseits keine Überraschung ist, wenn man sich damit befaßt, wie die GfK-Theorie den Menschen versteht.

Festzuhalten bleibt, daß der Ansatz der GfK gerade kein moralischer ist, denn es liegt in der Natur der Moral, daß sie bewertet. Die GfK hingegen ist bestrebt, jene – gewöhnlich unausgedrückten – universalen inneren Vorgänge sichtbar zu machen, die überhaupt erst zur Vereinnahmung und Bewertung anderer wie auch zur Selbstbewertung führen.

Politische Gewaltfreiheit

Politische Gewaltfreiheit — so weit der Autorübersetzer das beurteilen kann — kann sehr wohl einen ethischen oder moralischen Ansatz haben und unterscheidet sich dann grundlegend von der GfK, wenn Gewalt bewertet und für negativ befunden, infolge abgelehnt wird.

Gegenseitige Befruchtung

Es ist in den Augen des Autorübersetzers sinnvoll, die verschiedenen Ansätze gelten zu lassen und sich bewußt zu machen, daß generell gesprochen jede Methode Haken hat und jede aber auch Aspekte liefert, die anderen Methoden fehlen. Bekanntlich fallen einem die Unzulänglichkeiten anderer Methoden oft leichter ins Auge als die der eigenen.

Daß das Buch Leser, die den Weg der GfK gehen, zu bereichern oder zu begeistern vermag, hat sich bereits gezeigt.

Und umgekehrt? Wäre nicht der Hinweis auf die Möglichkeiten der GfK im Buch angebracht gewesen? Der Übersetzer stellte sich während der Arbeit am Buch immer wieder die Frage, ob die GfK-Methode, die ja ursprünglich ebenfalls amerikanisch ist, dem Autor tatsächlich unbekannt sein könne. Er erwähnt sie nirgends. Man kann sagen, daß viele der besprochenen Inhalte nach den Werkzeugen der GfK geradezu rufen.

Um die Frage zu beantworten: der Autor hat die Methode kennengelernt und sieht sich von ihr beeinflußt. Letztlich haben die Begegnungen in diesem Feld jedoch nicht dazu geführt, daß er sich ausdrücklich weiter mit der Methode befaßt hat. Das mag seine Gründe in Fragen haben, die im weitesten Sinne mit der Didaktik und den Fallen in der Praxis der GfK zu tun haben, etwas, das auch den Autorübersetzer beschäftigte, das hier jedoch zu weit führt.

Gewaltfreiheit jedenfalls, das Ziel, ist stets derselbe geistige Ort, daran kann kein Deuteln sein. Die positive Bezeichnung dieses Geistes ist im Deutschen die ‚universale Liebe‘. Alle Methode, um diesen Geist(esort) zu erreichen, ist am Ende nur Vehikel. Und Methodenstreit, ganz wie der Glaubensstreit, eines der sichersten Mittel, ihn nicht zu erreichen.

 

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