Titel

Übersetzte man den Titel des Originals wörtlich, so würde er lauten: „Untermacht — Trauma und die gewaltfreie Veränderung der Gesellschaft“. Der tatsächlich gewählte deutsche Titel ist länger und enthält sechs Schlüsselideen des Buches:

1. Untermacht ist ein Konzept des Autors, das er anhand dieses Werkes vorstellt. Als Begriff beschreibt sie ein gewaltsames Verhalten, das von emotionalem Trauma herrührt und vom Handelnden selbst als der Versuch, Ungerechtigkeit oder innerer Ohnmacht zu entkommen erlebt wird, von beteiligten Menschen aber vor allem als Machtmißbrauch, Gewalt und eine frustrierende eigene Ohnmacht erzeugend. Ausführlicher dazu die Seite Was ist Untermacht.

2. Seelisches Trauma. Wer sich mit den Kennzeichen von Trauma vertraut macht, wird (nach Meinung des Autors wie des Übersetzers) mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erkennen, daß er Erfahrungen damit hat — wenn nicht gar als selbst Betroffener, dann zumindest im Umgang mit traumatisierten Menschen in seinem Umfeld.

3. Gesellschaftliche Normalität: Es gibt viele Indizien dafür, daß ein hoher Anteil der Menschen emotional traumatisiert lebt. Das gilt für die amerikanische und für Gesellschaften weltweit ebenso wie für die deutsche. Einerseits werden mit einer großen Bandbreite alltäglicher Gewaltformen und unter spärlichem Interesse der Öffentlichkeit immer neue Menschen (oft Kinder) traumatisiert. Andererseits sind Nazizeit und Zweiter Weltkrieg — von der Folgediktatur im Osten zu schweigen — als Trauma der deutschen Seele in Form zahlreicher gesellschaftlicher Phänomene auch in der dritten Generation äußerst lebendig. Siehe hierzu die Autoren Gabriele Baring und andere auf der Seite Verweise.

4. System: Wineman liefert ein vielfältiges Bild davon, was eine auf Dominanz gründende Gesellschaft den Menschen an alltäglichem Gewalterleben beschert und wie dieselben Menschen dieses ihnen schadende System durch ihr notgetriebenes Handeln unabsichtlich fortpflanzen. Die Begriffe Täter und Opfer werden zu einander abwechselnden oder gar gleichzeitig wirksamen Aspekten einer jeden Person. Die verschieden viel äußere Macht führenden gesellschaftlichen Rollen werden dem jeweiligen inneren Empfinden der eigenen Macht oder Ohnmacht des Rolleninhabers gegenübergestellt und gezeigt, welche dramatischen Folgen bestimmte Kombinationen der beiden Aspekte haben können.

5. Individuell, familiär, politisch: Das Fokusthema Trauma wird vom Autor auf sämtlichen Ebenen (und häufig anhand seines eigenen Lebens) untersucht: von der Ebene der Kindheit und des Familienlebens über die der beruflichen Erfahrung des Autors und die politisch-gesellschaftlichen Themen in den USA bis hin zur Bühne der internationalen Politik.

6. Auswege: Das Thema der machtmißbrauchenden Gewalt, die der einzelne erleidet wie auch selbst ausübt, in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang einzu-betten, erzeugt ein hochkomplexes, aber auch sehr zutreffend erscheinendes Bild. Das Buch enthält viele Untersuchungen, Appelle und praktischen Ansätze, die dabei helfen können, bekanntes Verhalten und Leid als traumatisch zu erkennen und einen anderen Umgang damit zu erlernen. Das Ziel ist dabei immer, aus dem Teufelskreis der systematisch erzeugten Gewalt auszusteigen.

Gewaltfreiheit — Zum Schlüsselbegriff der Gewaltfreiheit, der im deutschen Titel nicht mehr wörtlich vorkommt, siehe auf der Seite Gewaltfreiheit.

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