Untermacht

Konzept und Definition

Das Konzept der Untermacht wurde von dem US-amerikanischen Autor und Pädagogen Steven Wineman entwickelt, als er auf das Thema Trauma stieß, es im politischen Kontext untersuchte und ein ihm immer wieder begegnendes Reaktionsmuster in diesem Rahmen neu untersuchte. So bezeichnet der Begriff ein bestimmtes „ausgelöstes“ Verhalten traumatisierter Menschen, das von ihnen selbst meist als der Versuch erlebt wird, dem (traumatypischen) Gefühl der Verzweiflung und tiefen Ohnmacht zu entkommen. Es versetzt jedoch umgekehrt andere in Ohnmacht oder gar Schrecken und kann immer als Gewalt gelten. Selbst bei schwerer Körperverletzung oder schlimmerem kann dies dem Bewußtsein des Handelnden jedoch völlig verborgen bleiben.

Untermacht bedeutet also, daß der Betroffene eine zumeist gesellschaftlich verliehene äußere Macht gebraucht, objektiv gesehen mißbraucht, um der Not des eigenen Erlebens, vollkommen wirkungslos zu sein, zu entkommen. Verinnerlichte Ohnmacht ist ein wiederkehrender Schlüsselzustand bei Traumatisiertheit.

Herleitung des Begriffs und Vergleich

Der englische Begriff power bedeutet unter anderem Macht oder Mächtigkeit; das Vermögen, die Kraft oder die Position, etwas zu bewirken, zu tun, auch anderen etwas anzutun, jemandem etwas zuzufügen. Wie im Deutschen ist die Macht, die man über jemanden haben kann, power over.

In bestimmten Zusammenhängen wird power over auch ohne Objekt gebraucht — derjenige, der die Handlung ‚abbekommt‘, wird also gar nicht genannt. Trotzdem wird die Partikel over beigefügt. Warum? Es wird damit eindeutig klargestellt, daß power im Sinne einer Macht gemeint ist, die über jemanden ausgeübt wird. Denn der Begriff power hat im Englischen nicht die negative Färbung, die „Macht“ im Deutschen angenommen hat. Power ist auch „Vermögen“, „Kraft“, „Stärke“, „Leistung“.

So könnte man sagen: That was power(-)over, und würde je nach Zusammenhang auf Deutsch vielleicht sagen, jemand „wurde dominiert.“ Wir würden nicht sagen, die andere Seite habe „Übermacht ausgeübt“. Der Begriff „Macht“ wird, wie erwähnt, häufig schon an und für sich negativ verstanden, und das allemal in Zusammenhang mit „ausüben“. Übermacht bedeutet im Deutschen eher, daß eine Seite an Zahl oder auch Ausrüstung stärker war als die andere.

Der Begriff beim Autor

Im Fahrwasser der englischen Konstruktion der „Macht über (jemanden)“ hat der Autor den gegenteiligen Begriff power-under geschaffen. Nach seiner eigenen Aussage nicht als erster, aber der Gebrauch kann als selten und das Wort als ungewöhnlich gelten. In diesem Sinne kann man von einer Wortschöpfung des Autors sprechen.

Der Begriff im Deutschen

Der Übersetzer hat entsprechend mit Untermacht übersetzt, was im Deutschen ebenfalls als Wortneuschöpfung gelten muß.

Der Begriff findet sich jedoch bereits bei einem deutschen Autor — und zwar in einem Essay des evangelischen Theologen Geiko Müller-Fahrenholz, das in diesem Zusammenhang höchst interessant ist. Es ist in einem ebenfalls von Herrn Müller-Fahrenholz herausgegebenen Buch namens „Faszination Gewalt – Aufklärungsversuche“ beim Verlag Otto Lembeck erschienen und ist hier mit seiner Genehmigung zugänglich gemacht. Die folgende Seite mit dem Essay, Kurztitel „Loser“, enthält einen Link zu einer weiteren Seite mit Informationen über den Autor:

„Nobody Loves a Loser – Annäherungen an das Problem der Faszination von Gewalt“ (interne Seite, Extrafenster)

 

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