Loser


(FENSTER NACHHER BITTE SCHLIESSEN)

Über den EssayESSAY: Nobody Loves a Loser1. Gewalt als mißbrauchte Macht / 1.1. Alles Lebendige hat seine eigene Macht1.2. Gewalt als mißbrauchte Macht — 2. Faszination der Gewalt — Kompensation des Ungenügens2.1. Die Lust am Gruseln2.2. Die Lust der Fans2.3. Zur Langeweile verurteilt — Faszination des Extremismus2.4. Die Bombe lieben2.5. Sein wie Gott — Gewalt über die Natur3. Systematische Vertiefungen / 3.1. Klaus Horn: Apathie — Langeweile — Lust am Krieg3.2. Elias Canetti: Masse und Macht3.2.1. Erlösung von der Berührungsfurcht3.2.2. Das Motiv der Entladung3.2.3. Die Gewalt der Masse3.3. Das geschlossene Milieu und die heroische Illusion3.3.1. Die normative Macht des geschlossenen Milieus3.3.2. Die heroische Illusion4. Faszination überwinden?4.1. Wiedergewinnung individueller Selbstgewißheit4.2. Die Wechselbeziehung von individueller und struktureller Gewalt4.3. Die Öffnung geschlossener Milieus4.4. Nobody Loves a Loser4.5. „Dabeisein ist alles“ — Zur Faszination der Partizipation — Weitere Seite in diesem Fenster: Über den Autor des Essays (interner Link)


Der folgende Essay wurde veröffentlicht in: Geiko Müller-Fahrenholz (Hrsg.), Faszination Gewalt – Aufklärungsversuche, Verlag Otto Lembeck © 2006 Frankfurt am Main. Die hier verwendete Fassung wurde seinerzeit im Internet publiziert und geht der des Buches voraus. Ihre Veröffentlichung wurde dem Übersetzer vom Autor genehmigt. Es wurden Rechtschreibkorrekturen vorgenommen; an einigen wenigen Stellen wird auf die Fassung im Buch verwiesen. Eine Information zum Autor finden Sie hinter dem letzten Link im Kästchen oben.

Geiko Müller-Fahrenholz
Nobody Loves a Loser — Annäherungen an das Problem der Faszination von Gewalt

Anm. des ÜS: „Nobody Loves a Loser“ wäre im Zusammenhang gut übersetzt mit „Niemand mag Versager“.

Wie können Menschen begehren, was sie doch verabscheuen? Wie können sie von etwas fasziniert sein, das ihnen und anderen Leid bringt? Faszination der Gewalt, wie kommt sie zustande? Was geht in Menschen vor, die Gewalt lieben und begehren?
Es geht im folgenden nicht um Phänomene wie Sadismus und Masochismus. Sie zu verstehen und gegebenenfalls zu behandeln oder Übergriffe zu ahnden, ist Sache der Psychiater und Juristen. Aber es geht mir als Theologe darum, alltägliche Gestalten von Gewaltfaszination ins Auge zu fassen, um einen Ansatz zu finden, der dazu beitragen kann, sie an ihrer Wurzel zu fassen und so zu überwinden.

1. Gewalt als mißbrauchte Macht

1.1. Alles Lebendige hat seine eigene Macht
Es ist möglich und nötig, zwischen Macht und Gewalt, lateinisch zwischen potestas/vis und violentia, englisch zwischen strength/power und violence zu unterscheiden.

Fußnote 1 [Alle Fußnoten von G. M.-F.] — Dabei ist mir bewußt, daß „Gewalt“ in früheren Zeiten keineswegs die negative Komponente besaß, die sie heute hat. Von der germanischen Wurzel her bedeutete „Gewalt“ nichts anderes als Verfügungsfähigkeit. Folglich konnte Martin Luther noch unbefangen von der „geistlichen“ und „weltlichen“ Gewalt sprechen. In dem Ausdruck „Gewaltmonopol des Staates“ klingt die ursprüngliche freie und ungehinderte Verfügungsfähigkeit noch an.

Wenn Gewalt heute negative Konnotationen hat, so muß festgehalten werden, daß dies für den Begriff der Macht nicht gelten kann. Eine pauschale Verurteilung von Macht, wie man ihr in christlichen Kreisen nicht selten begegnet, ist unangebracht, denn jedes Lebewesen besitzt seine spezifische Macht oder Mächtigkeit. Wir können sie auch die eigentümliche Energie und Zielstrebigkeit nennen, mit der jedes Lebewesen darauf aus ist, seinen Daseinsplan und Lebenszweck zu erfüllen.
Das gilt nicht nur für alle Menschen; es gilt auch für alle Pflanzen und Tiere. Ja, dies gilt gewissermaßen auch für unseren Planeten Erde, weil und insofern er immer noch im Werden ist. Folglich ist er Verschiebungen und Zerreißproben ausgesetzt, deren Wucht uns entsetzt,

Fußnote 2 — Ich erinnere an den Tsunami vom 26.12.2004, der in Südostasien verheerende Schäden auslöste.

auch wenn ohne sie menschliches Leben unmöglich wäre.
Die Mächtigkeit eines jeden Lebewesens besteht darin, den für die Entfaltung des je eigenen Lebenszwecks notwendigen Zeit-Raum zu erkämpfen und zu erhalten. Dabei steht es unter ständigem Konkurrenz- und Anpassungsdruck. Die Integrität der Lebewesen und Arten verdankt sich nicht nur ihren spezifischen Durchsetzungsfähigkeiten, sondern ebenso deutlich auch ihren Konvivialitätskräften, also ihren Begabungen, mit anderen Lebewesen zusammenzuleben. Integrität und Interdependenz bedingen einander. Die Fähigkeit, sich mit anderen Lebewesen in Beziehung zu setzen und auszutauschen (Relationalität und Kommunikation) sind Voraussetzung für die functioning integrity (Thomas Berry) aller Arten des Lebendigen.
Mit dem Ausdruck „Zeit-Raum“ bezeichne ich das Phänomen, daß jedes Lebewesen einen spezifischen Lebensraum und eine spezifische Lebenszeit benötigt, um seine Art zu erhalten. Wo diese Räume und Zeiten mutwillig verändert und verkürzt werden, ist die Funktionsfähigkeit und Integrität eines jeden Lebewesens gefährdet. Dies sind die Einbruchstellen von Gewalt, wie später noch dargestellt werden soll.
Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang der Hinweis, daß erst dann von Gewalt als einem negativen und daher zu überwindenden Phänomen gesprochen werden sollte, wenn man vorher positiv und zustimmend von der grundsätzlichen Mächtigkeit des Lebendigen gesprochen hat.

Fußnote 3 — Bekanntlich hat man ja noch zu Luthers Zeiten einen positiven Gebrauch von dem Wort „Gewalt“ gemacht. Man sprach von staatlicher Gewalt oder, etwa im Rahmen der „Zwei-Reiche-Lehre“, von der geistlichen Gewalt (des Wortes) und der weltlichen Gewalt (des Schwertes). Dieses Verständnis hat sich noch nicht ganz verloren. Auch heute spricht man noch von dem „Gewaltmonopol“ des Staates. Man ist sich dabei aber sehr wohl bewußt, daß Gewalt eigentlich etwas so Gefährliches ist, daß es den Bürgern und Gruppen entzogen und, unter eindeutigen verfassungsmäßigen Bedingungen, einzig und allein dem Staat übertragen werden muß.

Wenn also alle Menschen mit ihrer je eigenen Mächtigkeit auf die Welt kommen, dann besteht ihr Daseinszweck darin, diese Mächtigkeit in ihrer je spezifischen Individualität zu verwirklichen. So sind alle Menschen bis an ihr Lebensende mit der Ausgestaltung und Betreuung ihrer spezifischen Identität beschäftigt. Mithin sind Individualität und Identität für mich zwei Begriffe, in denen begreifbar wird, was mit Mächtigkeit gemeint ist.
Es wurde bereits erwähnt, daß Mächtigkeit Relationalität einschließt. Wie alle Lebewesen sind auch die Menschen Beziehungswesen. Wir können auf andere einwirken, auf andere reagieren, sie beeinflussen, so wie andere auf uns einwirken, uns beeinflussen und prägen. Wir können uns ihnen aber auch verweigern oder entziehen. Anders gesagt, unsere Mächtigkeit spielt unablässig mit den Möglichkeiten von Nähe und Distanz, von Kommunikation und Verweigerung, von Tun und Unterlassen.
Um diese generellen Überlegungen zu konkretisieren: Ein fundamentaler Ausdruck dieser Beziehungs- und Einwirkungsmächtigkeit ist ohne Zweifel die Geschlechtlichkeit. Sie durchdringt menschliches Leben vom ersten bis zum letzten Atemzug. Ohne sie ist der Fortbestand der eigenen Art nicht möglich. Freilich ist diese „Macht der Liebe“ mehr als die Fähigkeit der Fortpflanzung, sie entfaltet sich in der fürsorglichen Macht der Pflege, des Schutzes und der Aufzucht der Nachkommen, der Eltern und anderer nahestehender Personen.
Diese Gestalt der Mächtigkeit erweitert sich um die Kraft, den Lebensunterhalt für sich selbst, für die unmittelbare Familie sowie für die größere Gemeinschaft zu besorgen, zu erhalten und zu schützen. Ich bezeichne dies mit dem Begriff der Arbeit.
Liebe und Arbeit begleiten uns unser Leben lang. (Bezahlte Arbeit bildet nur einen Ausschnitt des lebenslangen Arbeitens.) Sie sind die wichtigsten Manifestationen unserer Integrität als eigenständige Personen; an ihnen orientieren sich unser Selbstbewußtsein, unsere Würde und Zufriedenheit.
Es wäre aber ein Irrtum, den Begriff der Mächtigkeit ausschließlich individualistisch zu fassen. In dem Gefüge des Lebendigen gibt es Mächtigkeiten, die wir kosmisch, gesellschaftlich und staatlich nennen könnten. Was ich mit dem Ausdruck „kosmisch“ meine, kommt in dem archaischen Satz aus dem 1. Buch Mose, 8.22 zum Ausdruck, der die globale Katastrophe der Sintflut abschließt: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Die klimatischen Lebensbedingungen stellen Ordnungsgefüge dar, die nicht nur alle Menschen, sondern auch alle Kulturen der Erde prägen.
Wir kennen gesellschaftliche Mächtigkeiten in der Form von sittlichen, normativen, politischen und ökonomischen Ordnungen. Auf ihnen bauen die staatlichen Rechtssysteme, Verwaltungsstrukturen und infrastrukturellen Organisationen auf. Dies sind für mich kompakte Mächtigkeiten mit stabilisierenden Wirkungen. Von ihnen unterscheide ich fließende Mächtigkeiten. Zu ihnen rechne ich Revolutionen, religiöse, wissenschaftliche oder technische Erneuerungsbewegungen, aber auch Moden und Trends. Auch wenn diese Bewegungen in der Regel von einzelnen herausragenden Persönlichkeiten angestoßen werden, so bekommen sie ihre Mächtigkeit doch nur durch ihre transpersonale, gemeinschaftliche oder kollektive Gestalt.


1.2. Gewalt als mißbrauchte Macht
Diese Skizze zum Problem der Mächtigkeit soll dazu dienen, Gewalt zu verstehen: Gewalt bezeichne ich als mißbrauchte Macht. Gewalt tritt überall dort auf, wo Menschen ihre jeweilige Identität beschädigen oder vernachlässigen und wo sie die Individualität und Integrität anderer Menschen und anderer Lebewesen gefährden oder zerstören. Wird Gewalt als destruktiver Ausdruck von Mächtigkeit verstanden, wird auch sofort verständlich, warum sie auf allen Ebenen menschlicher und gesellschaftlicher Interaktion begegnet. Gewalt ist gleichsam der finstere Schatten in allen Beziehungen. Sie beginnt in den intimsten Berührungen der Liebe, sie setzt sich in allen Formen des Miteinanders zwischen Menschen und Gesellschaften fort. Sie zeigt sich auch im Umgang von Menschen mit der außermenschlichen Natur.
Theologisch gesprochen: Gewalt ist im Anschluß an die Bibel „Sünde“. Dabei geht es nun eben nicht um einzelne Sünden, gewissermaßen um einzelne Gewaltakte, sondern um Sünde oder Schuld im Singular, anders ausgedrückt: um Gewalt als ein anthropologisches Verhängnis. Ich spreche damit von einer Realität, die unvermeidbar ist und doch zugleich unannehmbar bleibt. Das Wort „Verhängnis“ soll festhalten: Gewalt kommt in allen Gestalten menschlichen Lebens vor. Sie ist ein Geschick, dem sich niemand entziehen kann. Gewalt wird verübt und Gewalt wird erlitten. Wir erfahren uns als Täter, aber wir erfahren uns auch als Opfer. (Daß es dabei gewichtige Unterschiede gibt, ist unbestritten!) Darum bleibt Gewalt eine Sache, mit der wir uns nicht abfinden können, weil sie eine Quelle immer neuen Leidens und wiederkehrenden Schuldbewußtseins ist.
Ich habe vorhin erwähnt, daß unsere spezifische Mächtigkeit sich nicht nur darin äußert, daß wir auf unsere Umgebung einwirken, sondern auch darin, daß wir uns ihr entziehen. Im Tun und im Unterlassen, in der Aufnahme und in der Verweigerung von Beziehungen zeigt sich unsere Macht. Das gilt nun auch für das Phänomen der Gewalt. Meistens verstehen wir Gewalt als einen Mißbrauch unserer Einwirkungsmöglichkeiten auf die Menschen und Lebewesen um uns herum, also als einen Übergriff, als ein Überschreiten der Grenze, die uns durch die Integrität der anderen gesetzt ist. Wir erleben solche Übergriffe als Belästigungen, Beleidigungen, Verleumdungen, Behinderungen, Verletzungen, Ausbeutungen, Vergewaltigungen, Morde.
Weniger beachtet aber wird Gewalt als Verweigerung von nötigen und geschuldeten Beziehungen. Liebesentzug ist eine Form von Gewalt, die in Familien gang und gäbe ist. Unterlassene Hilfeleistung ist mit Recht strafbar. Was jedoch (noch) nicht strafbar ist und gleichwohl den Tatbestand der Gewalt erfüllt, ist die fahrlässig in Kauf genommene Benachteiligung und Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen, ebenso die Verelendung großer Teile der Menschheit und nicht zuletzt die Verödung der Umwelt.
Damit wird deutlich: Übergriffe wie Verweigerungen drücken sich nicht nur als einzelne menschliche Akte aus. Es gibt sie auch in sozialen und politischen Zuständen, also in der Gestalt von Strukturen. Deshalb ist es angemessen, auch von systemischer oder struktureller Gewalt zu sprechen. Die kompakten Mächtigkeiten sind mithin ebenso durch Gewalt gefährdet wie die fließenden.
Wir können daher Gewalt als zu viel und zu wenig Mächtigkeit verstehen, als ein Ausagieren von Übermacht wie von Untermacht. (Mit Untermacht ist nicht nur Ohnmacht oder Machtlosigkeit gemeint, sondern auch mehr oder minder bewußt vorenthaltene oder verhinderte Mächtigkeit.)
Es sind also vor allem zwei Wechselwirkungen, die ich in diesem Essay im Auge zu behalten versuche:
a) Daß Menschen Gewalt verüben und erleiden. Daß mithin Gewalterfahrungen immer aus der doppelten Perspektive des Täters oder des Opfers betrachtet werden müssen. Dies schließt die Erkenntnis ein, daß Täter- und Opferrollen nicht fixiert sind, sondern wechseln können.
b) Daß Gewalt in den Modi des Übergriffs und der Verweigerung, als Übermacht und als Untermacht erscheint. Die öffentliche Diskussion und dementsprechend auch unsere Rechtsprechung beschäftigen sich fast ausschließlich mit den aktiven Gewaltakten, also mit Gewalt in der Form von Übergriffen und Grenzverletzungen aller Art. Damit ist jedoch noch nicht entschieden, wie das Verhältnis von Über- und Untermacht aussieht. Meine These ist, daß Gewaltakte gerade auch als Kompensation von Untermacht betrachtet werden können.

2. Faszination der Gewalt – Kompensation des Ungenügens

Woher nun kommt die Faszination der Gewalt? Warum fühlen sich Menschen von ihr angezogen? Was macht sie nach ihr süchtig? Ich möchte im folgenden fünf Erscheinungsformen vorstellen und dabei zeigen, daß Gewaltsucht als Kompensation von Untermacht verstanden werden kann.

Fußnote 4 — Es handelt sich bei diesen fünf Erscheinungsformen um exemplarische Beispiele. Eine erschöpfende Darstellung müßte sich u. a. ausführlich mit geschlechtsspezifischer Gewalt und der darin steckenden Faszination befassen.

Wobei zu beachten sein wird, daß es zwischen einer gefühlten Untermacht und einer tatsächlichen schwer zu bestimmende Übergänge und Wechselverhältnisse gibt.


2.1. Die Lust am Gruseln
Beginnen wir mit der nächstliegenden und — scheinbar — harmlosesten Gestalt von Gewaltfaszination, dem täglichen Gewaltkonsum vorm Fernseher oder bei Videospielen. Was verschafft zum Beispiel den vielen Krimi-Serien, die auf allen Kanälen laufen, die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Millionenpublikums?
Ich schlage vor, diese Aufmerksamkeit als Lust am Gruseln zu verstehen. „Gruseln“ nenne ich den spielerischen Umgang mit dem Schrecklichen und Verbotenen, wobei man das sichere Gehäuse des Vertrauten nicht verläßt. Darum ist der Fernsehkrimi ideal: Er stellt ein Spiel mit dem Schrecken dar, das aus dem sicheren Abstand des eigenen Wohnzimmers genossen werden kann. Und zum andern gilt, daß die Bösewichter am Ende von den Dienern des Gesetzes dingfest gemacht werden, weshalb ihre Verbrechen auch recht obszön und „gruselig“ sein dürfen. So gibt die Verbrecherjagd den Zuschauern die Gelegenheit, in den Übeltaten der Kriminellen die eigenen üblen Gelüste widergespiegelt zu sehen, ohne daß die Angst überhand nimmt, ihnen nicht gewachsen zu sein. Denn die Hüter der Ordnung sorgen dafür, daß die Welt am Ende wieder in die vertraute Routine zurückkehrt.
Die Kriminalserien spielen also mit dem Umstand, daß alle Menschen mit Raub- und Mordgelüsten, mit Phantasien von Geiz und Gier, Neid und Häme umgehen, ohne dabei jedoch die Schranken des Gesetzes infrage zu stellen oder zu verlassen. Als Zuschauer spielen wir gleichsam die Verbrecherjagd im Fernseher mit, genauer: Wir lassen mit uns spielen. Und so erfahren wir in unserer Lust am Gruseln eine gewisse Überschreitung der Grenzen, die uns gesetzt sind. Wir lassen uns in unseren Phantasien über Grenzen hinausführen, obgleich wir zugleich wissen und akzeptieren, daß unsere gesellschaftlichen Ordnungen diese Grenzen unbedingt benötigen.
Unser Ungenügen besteht darin, daß wir nicht so ruchlos wie die Killer sind und nicht so bravourös wie ihre Jäger. Aber wir können diese Untermacht ein Stückchen weit im Spiel kompensieren. Was ich hier „Ungenügen“ nenne, ist unsere banale Alltäglichkeit, die uns weder zu ausgemachten Schurken noch zu ingeniösen Polizisten macht, unser Mangel an Kühnheit, Ruchlosigkeit und Heldenmut.
Dies ist übrigens nichts, das mit dem Fernsehzeitalter über uns gekommen wäre. Seit Urzeiten haben sich Menschen in allen Kulturen in ihren Liedern, Märchen und Sagen über die Banalität ihres Lebens hinausbegeben. Jemand zieht aus, das Gruseln zu lernen. Junge Männer müssen schwere Kämpfe mit Drachen und anderen Ungeheuern bestehen. Ein Mädchen wird mitsamt ihrer Großmutter von einem Wolf gefressen und von einem Jäger wieder befreit. Ein Mädchen wird von Zauberkraft gebannt und von einem schönen Prinzen wachgeküßt.
So wird deutlich: Das Gruseln ist ein Spiel mit der Wirklichkeit der Gewalt, des Schreckens und des Ungeheuerlichen. Es ist eine Variante der menschlichen Imagination, die ihrem Wesen nach über die Schranken des Alltäglichen hinausgreift, die Chancen und Abgründe des Möglichen zu erfassen sucht und Räume der Hoffnung und der Furcht erkundet.
Daß diese Kraft der Imagination lebensnotwendig ist, bedarf keiner Worte. Von ihr leben alle Visionen und Entwürfe, von den religiösen bis zu den wissenschaftlichen und technischen.
Trotzdem frage ich mich: Ist die Lust am Gruseln so unverfänglich, wie uns die Protagonisten der Medien glauben machen wollen? Der Gesetzgeber hat da offensichtlich Bedenken, wie aus den Jugendschutzbestimmungen ersichtlich ist. Ihnen liegt die Erkenntnis zugrunde, daß das Spiel mit dem Grauen für Kinder und Jugendliche nicht ungefährlich ist. Sie verfügen noch nicht über ein stabiles Ordnungsgefüge, auch sind sie nicht in der Lage, ihre Widerstandskräfte gegen die Faszination des Bösen angemessen einzuschätzen. Darum kommt es immer wieder vor, daß sie die virtuellen Gewaltabläufe, die sie im Fernsehen oder in Videospielen kennengelernt haben, in die Wirklichkeit übertragen und dort mimetisch ausagieren.
Doch auch ohne derartige Exzesse steht zu befürchten, daß das Überangebot an „Gruselgeschichten“ ambivalente Wirkungen hat. Zum einen kann sie auch bei erwachsenen Konsumenten eine Verunsicherung auslösen, die dazu führt, an jeder Ecke Gespenster und in jedem unangemeldeten Besucher einen Einbrecher zu sehen. Die Verunsicherung kann dazu verleiten, bei jeder verdächtigen Bewegung eines Unbekannten zur Waffe zu greifen, was in einer Gesellschaft wie der US-amerikanischen, wo privater Waffenbesitz als Bürgerrecht verstanden wird, dramatische Folgen haben kann.
Die Lust am Grauen kann zum andern auch dazu führen, die Grenzen dessen, das als gesellschaftlich zuträglich und sittlich verantwortbar empfunden wird, zu verschieben. Daß sich Werte und Normen verändern, versteht sich in offenen Gesellschaften von selbst. Gleichwohl läßt sich nicht übersehen, daß es in den letzten fünfzig Jahren eine auffällige Tendenz zu Tabubrüchen gegeben hat. Dabei haben Kunst und Medien eine Vorreiterrolle gespielt. Eine präzedenzlose Zunahme von Gewaltdarstellungen ist die Folge. (Hierher gehört auch eine immer unverhohlenere Darstellung sexueller Praktiken. Daß Scham und Keuschheit elementar mit der Integrität von Männern und Frauen zusammenhängen, erscheint inzwischen als ein Überbleibsel bigotter Prüderie.)

Fußnote 5 — In dem US-amerikanischen Wahlkampf 2004 spielten die „Werte“ eine entscheidende Rolle. Daß die family values im Mittelpunkt standen, während soziale oder wirtschaftliche Werte vernachlässigt wurden, verrät eine fundamentalistische Verengung. Trotz dieser bedenklichen Einschränkungen zeigte die Debatte, daß die Gefährlichkeit einer ungebremsten Gewaltkultur sichtbar wird.

Diese virtuelle Gewalt ist mehr als lediglich eine Widerspiegelung der den Menschen und den menschlichen Gesellschaften innewohnenden Gewaltneigungen. Sie hat prägende Wirkungen, das heißt sie trägt zur Veränderung des Umgangs mit diesen Neigungen bei. Sie normalisiert, was noch vor wenigen Jahrzehnten als undenkbar galt.
Es scheint mir daher nötig zu sein, die Faszination von Gewaltdarstellungen als etwas Suchtartiges zu begreifen. Ihre glamourös-verführerische Anziehungskraft läßt das eigene Leben als langweilig erscheinen. Und in der Tat: Je mehr Zeit man vor dem Fernseher oder dem Computer verbringt, desto ereignisärmer wird der Tag. Im Gegenüber zur Mächtigkeit der virtuellen Welten schrumpft die eigene Mächtigkeit zur Armseligkeit zusammen. Man mißtraut seinen eigenen Kräften und kompensiert dieses Gefühl der Untermacht durch eine suchtartige Zuwendung zu virtuellen Großtaten.
So ist die Lust am Gruseln aus ihrer verschämten Ecke herausgetreten und zu einem alltäglichen Spiel geworden. Darstellungen des Grauenhaften und Verwerflichen haben eine banale Alltäglichkeit erreicht. Gerade weil das massenhafte Angebot an Gewaltspielen den Prozeß der Gewöhnung beschleunigt, werden die Darstellungen immer krasser. Aus der spielerischen Faszination der Gewalt bildet sich eine Kultur der Gewalt. Sie stellt das Umfeld und damit den Ermöglichungsgrund für spezifischere Formen von Gewaltlust dar.


2.2. Die Lust der Fans
Wer sich während der Bundesliga-Saison an einem Samstag in einen Zug der Deutschen Bahn begibt, kann was erleben. Nicht nur daß die Bahnhöfe und Bahnsteige von den martialischen Gesängen der Fans, die immer auffälliger mit den Insignien ihres jeweiligen Clubs überkleidet sind, widerhallen. Eine Bahnfahrt mitten in einer Fangemeinde, die den Auswärtssieg ihrer Mannschaft feiert, kommt einer Mutprobe gleich, verschafft jedoch zugleich Einsichten in eine Gestalt von Gewaltfaszination, die sich nach meiner Einschätzung immer mehr ausbreitet.
Eine Angestellte der Bahn beklagt, daß nach jedem Bundesliga-Wochenende Abteile demoliert oder in verdrecktem Zustand verlassen werden. Eine Ärztin des Bremer Zentralkrankenhauses bestätigt, daß die chirurgische Ambulanz nach einem Heimspiel von Werder Bremen alle Hände voll zu tun habe. Es handele sich vor allem um Verletzungen als Folge von Schlägereien, sagt sie. Von ähnlichen Vorkommnissen dürften auch die Notaufnahmestellen der Kliniken in anderen deutschen – und nicht nur deutschen – Städten berichten können. Damit bestätigt sich ein Phänomen, das die Verantwortlichen in den Vereinen ebenso beschäftigt wie alle Instanzen der Polizei bis hin zu den Innenministern: Gemeint ist die Ausbreitung gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fangruppen, die das Demolieren von öffentlichen Einrichtungen und Geschäften ebenso einschließt wie Verletzungen von Passanten und Polizisten. Dazu gehört auch das Randalieren in den Stadien, das zu Spielabbrüchen führen kann, sowie die organisierten Schlägereien auf abgelegenen Sportplätzen.

Fußnote 6 — Dazu Milan Pavlovic: „Wenn sich die Tifosi in Livorno, Florenz oder Rom prügeln, scheint das nur auf den ersten Blick eine nationale Angelegenheit, vielleicht sogar ein Spiegelbild der italienischen Gesellschaft zu sein. Wer sieht, wie in einem scheinbar gesitteten europäischen Land frustrierte Vandalen ihre Ohnmacht in Macht verwandeln …, der könnte rasch auf den Geschmack kommen, das Gleiche in seiner Heimat zu probieren – zumal es Medienpräsenz bringt …“, Süddeutsche Zeitung vom 14.4.2005.

Natürlich gibt es immer noch den harmlosen Fußballfreund, der seine Mannschaft anfeuern will und je nach Ausgang des Spiels zufrieden oder frustriert, in jedem Fall aber friedlich nach Hause zurückkehrt. Daneben gibt es die Fanclubs, die von ihren Vereinen betreut werden und Gewalt vermeiden. Doch dann gibt es gleitende Übergänge zu den Schlägerclubs, die nach ihren englischen Vorbildern Hooligans genannt werden und gewalttätige Auseinandersetzungen abseits der eigentlichen Fußballstadien suchen. Sie nennen es Boxen, und es hat für sie eine größere Bedeutung als das Spiel ihrer Mannschaft.
„Wir brauchen das“, bekannte mir einer dieser Hooligans auf einer Fahrt zwischen Hamburg und Bremen. „Wir sind nicht asozial, arbeitslos oder so. Die meisten von uns haben ihre Lehrstellen oder feste Jobs. Wir verabreden uns mit den Fans von dem anderen Club: Ihr kommt mit hundert, wir kommen mit hundert. Und dann schauen wir mal …“
Dieser Hooliganismus, der neuerdings — wie in italienischen Fußballclubs ersichtlich — auch faschistische und rassistische Züge angenommen hat, ist der allzu handgreifliche Ausdruck einer Gewaltfaszination, die sich immer unverblümter um das Fußballspiel herum ausgebreitet hat.
Es ist eine Schutzbehauptung der offiziellen Fußballvertreter, daß diese Form von Aggressivität nichts mit dem Spiel auf dem Rasen zu tun habe. Zutreffender dürfte sein, daß die Gewalt bereits auf dem Platz beginnt. Das Spiel selbst ist immer „körperbetonter“ geworden — eine euphemistische Umkleidung für eine immer härtere Spielweise. (Begleitet wird sie offenbar von einem unflätigen Umgangston zwischen den Spielern, was jedoch im Getöse des Stadions zumeist unbemerkt bleibt.)
Weil es inzwischen im Spitzenfußball um große Summen geht, gerät die Lust an dem Spiel immer mehr unter das Diktat des Sieges bzw. unter die Schande der Niederlage. Dieser Erfolgsdruck verstärkt eine Bereitschaft zu gewaltsamen Attacken, die sich nur noch mühsam von den Spielregeln beherrschen läßt. Glanz und Elend eines Vereins sind immer krasser mit medialer Geltung und wirtschaftlichem Erfolg vermischt. Dieser Druck, dieses Alles oder Nichts, setzt sich auf den Rängen fort. Er verlängert sich in die Bahnfahrten hinein. Nach verlorenen Spielen steigt die häusliche Gewalt an. Oder aber sie wird in heimlichen Schlägereien in einem scheinbar „geordneten“ Ritual ausagiert.
Was macht diese Faszination aus? Zuerst muß man festhalten, daß sie eine Angelegenheit von Männern ist. Frauen sind in den Stadien immer noch eine Seltenheit. Jugendliche und junge Männer bilden die absolute Mehrheit. Schon vom Alter her fällt es ihnen leicht, sich mit „ihrer“ Mannschaft zu identifizieren. Sie fühlen sich gleichsam als die erweiterte Mannschaft, als eine virtuelle Körperschaft, die mit ihren Helden leidet und triumphiert. Darum kann sich die Gewalt auf dem Platz in diesem virtuellen Körper fortpflanzen. Sinnenfälliger Ausdruck dieses Körperhaften ist die La Ola, die Welle, welche durch ein fließendes Aufstehen und Hinsetzen im Stadionrund gebildet wird. Da werden also Menschen ihrer Individualität entkleidet, sie werden zu einem Massenphänomen, zu einem Naturereignis, einer Welle eben.
Dabei darf der Aspekt des Orgiastischen, der dem „Körperbetonten“ eigen ist, nicht unerwähnt bleiben. Wenn einem Spieler ein Tor, vor allem ein spielentscheidendes, gelungen ist, wird er von seinen Mannschaftskollegen auf das Innigste umarmt, gestreichelt, abgeküßt, nicht selten unter einem Berg von Leibern schier erdrückt. Das sind orgiastische Entladungen von aufgestauten Spannungen mit unübersehbaren sexuellen Attributen.
Auch dieses Element des Orgiastischen breitet sich über die Tribünen aus, drückt sich in Triumphgesängen, Umarmungen und Schunkeleien aus. Ich habe im Frühjahr 2005 eine anfänglich beängstigende Zugfahrt mitten unter HSV-Fans, die nach einem Auswärtssieg in Bielefeld nach Hamburg zurückkehrten, mitgemacht. Während die Männer um mich herum in glückseliger Laune eine Bierdose nach der anderen öffneten, feierte eine andere Gruppe von jungen Männern nebenan den Sieg mit einem Freudentanz, der ihnen enge körperliche Berührungen erlaubte. Der Mann neben mir gab, wenn auch widerstrebend und unter Androhung von Prügeln, zu, daß dies ein Ventil sei, gewisse sexuelle Gefühle „rauszulassen“, ohne daß die „Männlichkeit“ angezweifelt werden könne.
Der Versuch der Fans, eine Art virtueller Identifikation mit der geliebten Mannschaft zu bilden, hat natürlich etwas Illusionäres. Deshalb muß er jede Woche neu unternommen werden. Er bekommt suchtartige Züge. Das wird durch den hohen Alkoholverbrauch der Fans bestätigt. (Bei Auswärtsspielen sind die anreisenden Fangruppen bereits vor Spielbeginn so betrunken, daß sie eigentlich nicht mehr in das Stadion hineingelassen werden dürften.) Der Alkoholkonsum gilt zum einen als Beweis von Männlichkeit, er erleichtert auch die Enthemmungen, die nötig sind, um die eigene Individualität hinter sich zu lassen und in dem kollektiven Ich der Fangemeinde aufzugehen.
Auch hier läßt sich also eine Art von Ungenügen ausmachen. Die Identifikation mit einer berühmten Mannschaft und die Bewunderung für einzelne herausragende Spieler verhelfen dazu, die eigene Unsportlichkeit zu überspielen und die banale Begrenztheit des eigenen Lebens zu sprengen.
Michael, ein siebzehnjähriger Fan von Hannover 96, spricht für viele, wenn er sagt: „Ich will die Spieler anfeuern, mal ein bißchen brüllen, mehr nicht. Wo kann man das sonst noch in unserer total verplanten Welt. Immer nur brav sein ist langweilig …“

Fußnote 7 — Zwischen den Fronten: Ein Fanprojekt kämpft gegen die Gewalt, JUMA 02, 1992.

Es sind zwei Stichworte, die aufhorchen lassen. Zum einen: Michael erlebt seine Welt als total verplant; er hat das Gefühl, sich nur in vorgezeichneten Bahnen bewegen zu können. Das Gefühl, immer „brav sein“ zu müssen, verbietet ihm, „ein bißchen zu brüllen“, also aus dem Gehäuse braver Anpassung auszubrechen. So wird das andere Stichwort verständlich: Langeweile.
Aber ist das etwas Neues? Haben junge Männer nicht zu allen Zeiten die Grenzen ihrer überschäumenden Kräfte auszuprobieren gesucht? Gab es in den Dörfern nicht regelmäßig Schlägereien? Und haben nicht Studenten seit alters Streiche verübt, die gelegentlich zu einer Stadtplage wurden? Man könnte darum die Faszination der Gewalt als ein unreifes Experimentieren mit der eigenen Mächtigkeit verstehen, das sich verliert, sobald man seinen Platz im Leben gefunden hat.
Bei den meisten Fans dürfte dies der Fall sein. Aber trifft es auch für die zu, die den Eindruck gewinnen, daß eine „total verplante Welt“ ihnen keinen Platz läßt? Wenn also Langeweile nicht mehr nur ein subjektives Gefühl, sondern eine objektive Tatsache darstellt? Ich meine damit Phänomene wie Jugendarbeitslosigkeit, die junge Menschen zur Untätigkeit zwingt und ihnen den Eindruck vermittelt, ihr eigenes Land sei an ihnen überhaupt nicht interessiert. Dieser Eindruck, durch systemische Gewalt zur Untermacht verurteilt zu werden, verstärkt sich noch dadurch, daß auf der anderen Seite ein deutlich formulierter Erfolgsdruck steht. Ein immer aggressiver vorgeführter Kult der Jugendlichkeit kann dazu führen, daß gerade junge Menschen sich als Versager empfinden.
Was ich „Ungenügen“ nenne, wäre darum als nagende Frustration, als Untermacht angesichts übermächtiger Erwartungen und Zwänge zu bezeichnen. Gewaltfaszination wäre dann der Versuch, diesen Mangel an Wert und Geltung gewaltsam zu überspielen und einer übermächtig-gleichgültigen Gesellschaft zu signalisieren: Wir sind noch da! Und: Wir können sehr ungemütlich sein!


2.3. Zur Langeweile verurteilt — Faszination des Extremismus
Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß die Übergänge zwischen Hooliganismus und Rechtsextremismus fließend geworden sind.

Fußnote 8 — Vgl. den Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 14.4.2005: „Der Eklat von Mailand: In vielen Fußballstadien Italiens stehen Faschisten auf der Fantribüne“.

Damit fasse ich nunmehr eine Bewegung in den Blick, die mit ihrer Verknüpfung von Gewaltbereitschaft, sozialer Ausweglosigkeit und nationalsozialistischem Gedankengut immer mehr zu einem Schreckgespenst wird.
Auf eine detaillierte Beschreibung rechtsextremistischer Bewegungen muß hier verzichtet werden. Aufschlußreich sind folgende Merkmale: Es handelt sich, soziologisch gesprochen, bei rechtsextremistischen Gruppen [im Buch: überwiegend] um „Unterschichtenjugendliche“. Sie stammen zumeist aus zerbrochenen Familien, haben sich in der Schule als Versager erfahren und sind darum oft auch in ihrer Berufsfindung gescheitert. „Ich war als Kind schon Scheiße“, dieser Aufdruck auf einem T-Shirt beschreibt die selbstverachtende „Loser-Karriere“ von jungen Menschen auf beklemmende Weise. Es ist [im Buch: vor allem] ein subproletarisches Milieu, in dem die rechtsextremistische Szene wurzelt.
„Tatsächlich hat Deutschland wieder, was man früher das Subproletariat nannte: eine regelrechte Unterschicht, die nicht einfach arm ist, weil sie wenig verdient, sondern die insgesamt an der Dynamik, der Lebensweise und den Chancen der Mehrheitsgesellschaft nicht partizipiert“, schreibt Ijoma Mangold in der Süddeutschen Zeitung und gebraucht dafür das böse, weil verächtliche Wort white trash.

Fußnote 9 — I. Mangold in „Das neue Subproletariat“, Süddeutsche Zeitung, 9.2.2005, S. 7.

Was aber geschieht mit Menschen, die als „Abschaum“ einer Gesellschaft behandelt werden und sich auch so zu empfinden gelernt haben? Und die doch gleichwohl ihre Mächtigkeit ausleben wollen? Sie können sehr leicht zu der Folgerung gelangen, das System, das sie deklassiert, als ein System der Exklusion aufzufassen. Anders gesagt: Sie sehen sich als ausgeschlossen von dem, was eine Gesellschaft den Bürgerinnen und Bürgern verspricht und abverlangt.
Damit entsteht eine Spannung, die sich vor allem bei jungen Menschen, speziell bei jungen Männern, explosiv zuspitzen kann. Die objektive Erfahrung von Exklusion und die subjektive „Versager-Biographie“ verstärken sich gegenseitig. Die Situation der Chancenlosigkeit erscheint als systemische Gewalt, gegen die man nur noch mit Gewalt reagieren kann.
Denn Gewalt vermittelt immerhin das Gefühl von Da-Sein. In einem brutalen, handstreichartigen Akt läßt sich die Untermacht in Übermacht verwandeln. Aber das geht nur, wenn ich meine „Wenigkeit“ – und hier paßt der altmodische Begriff! – mit anderen „Wenigkeiten“ verbinde, wenn ich also meine beschädigte Individualität hinter mir lasse und in einer Gruppe von Gleichgesinnten eine neue und mächtige Gruppenidentität gewinne. Je weniger ich meiner eigenen Individualität zutraue, desto bereitwilliger akzeptiere ich die Regeln der Gruppe, ihren Gemeinschaftsgeist, ihre Kennzeichen (Haarschnitt, Kleidung, Auftreten etc.), aber auch ihre Befehlsstruktur. Da ich ohnedies gesellschaftlich geächtet bin, werde ich meine Gruppenmacht auf den Insignien meines Außenseiterstatus aufbauen. So wächst meine „Macht“ in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Grad meiner gesellschaftlichen Ächtung.

Fußnote 10 — Was hier im Blick auf rechtsextremistische Gruppen gesagt wird, gilt weiterhin auch für Einwanderergruppen, also für junge Türken, Rußlanddeutsche oder Ex-Jugoslawen. Wie Professor Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen in Hannover, feststellt, sind die Gewalttäter aus diesen Gruppen „auffallend von einer Macho-Kultur geprägt, in der Gewalt als legitim gilt“. Sie scheint die einzige Sprache zu sein, in der man sich verständlich machen zu können meint. Vgl.: „Gewalt als Sprache einer Subkultur“, Süddeutsche Zeitung 215 vom 17./18.9.2005, S. 5.

Darin liegt eine beträchtliche Faszination. Mit einem Schlag, und das ist durchaus auch buchstäblich gemeint, erweise ich mich — zusammen mit meiner Gruppe — als mächtig. Es liegt eine augenblickliche Befriedigung darin, die Insassen eines U-Bahn-Abteils in die Flucht zu jagen, einen Schwulen zusammenzuschlagen oder einen Ausländer zu treten. Diese instant satisfaction kompensiert nicht nur das Gefühl des Mangels, sie ist „geil“, weil sie das Moment der Rache gegenüber einer Gesellschaft enthält, die sich als übermächtig gibt.

Dieser sozialpsychologische Grund für Gewalt und Gewaltfaszination ist für mich von primärer Wichtigkeit. Daraus folgere ich, daß die ideologischen Ausprägungen von sekundärem Rang sind. Ich vermute, daß dies auch für die Benutzung von Nazislogans und –symbolen gilt.

Fußnote 11 — Dazu die Aussage von Nick Greger, der sich als 13jähriger den Neonazis seiner Heimatstadt Wunsiedel anschloß: „Von Politik konnte man zu dem Zeitpunkt noch nicht ausgehen. Es war eine tolle Sache: Der Rudolf-Heß-Gedenkmarsch. Ein mordsmäßiges Zusammengehörigkeitsgefühl.“ In: R. Cantzen: Rechte Einsicht. Ein junger Aussteiger erzählt. Hessischer Rundfunk, Hörfunk — Politische Bildung 04/167 vom 30.11.2004, S. 4.

Denn es gibt in Deutschland keine wirksamere Methode, um dem System der Exklusion zu entkommen und öffentlich wahrgenommen zu werden, als mit den Gebärden und Parolen von Nazis aufzutreten. Die traumatischen Erfahrungen, die unser Land mit der Nazi-Diktatur gemacht hat, haben eine profunde Sensibilität gegenüber allen Äußerungen, die an sie erinnern, hervorgebracht. Diese Empfindlichkeit zu erhalten, ist ein politisches Gebot. Sie zu erschüttern, ist das Spiel rechtsextremistischer Kreise, das immer wieder Erfolg verspricht.
Ich bestreite nicht, daß es Parteien gibt, die nationalsozialistisches Gedankengut aufgreifen. Ihre Sprecher versuchen, Gruppen von frustrierten und orientierungsschwachen Jugendlichen in ihre Gefolgschaft zu bringen. Aber inwieweit das gelingt und wie lange es anhält, scheint mir fraglich zu sein. Es genügen ja nationalistische und rassistische Versatzstücke, um „geile“ Provokationen auszulösen. Die Gewaltfaszination verlangt nach augenblicksartigen Entladungen, nach einer momenthaften Radikalität, die für eine langfristige Arbeit in einer politischen Partei nur mit Einschränkungen zu gebrauchen sein dürfte.

Fußnote 12 — Aufschlußreich ist, daß die sprachliche Gewalt offenbar eine Schnittstelle zwischen der Hip-Hop-Szene und Neonazis bildet. Bushido, ein führender Vertreter des Hip-Hop, hat einen tunesischen Vater, müßte folglich von den Neonazis als „Kanake“ verachtet werden. Er aber sagt: „Eines Abends kam, während Azad auf der Bühne war, sein marokkanischer Manager zu mir: ‚Da draußen schreien ein paar Nazis Azad als Kanaken an. Wir müssen vielleicht abbrechen.’ Als ich dann auf die Bühne kam, haben sich diese Typen die T-Shirts aufgerissen und gejubelt …“ Die aggressive Härte dieser Songs erleichtert offenbar den Umgang mit nationalistischen oder sexistischen Bildern. In: „Die Härte der Texte und die Härte der Nazis, SZ 146, 28.6.2005, S. 13.

Eine beruhigende Auskunft ist dies allerdings keineswegs.

Wie im Umgang mit dieser Gestalt von Gewalt in zivilgesellschaftlichen Gruppen, in den Medien und in den politischen Gremien eine größere Souveränität erreicht werden könnte, ist ein Thema für sich. Mich interessiert hier der Prozeß, der gewaltbereite Gruppen immer stärker in eine kriminelle Außenseiterrolle hineinführt. Das Ungenügen mit der eigenen Person wird durch die Wertschätzung in der Gruppe ausgeglichen. De-Individuation ist der Preis, der für die Befriedigung, zu dem starken Wir der Gruppe zu gehören, bezahlt wird. Wenn diese Gruppe allerdings ihre Mächtigkeit durch kriminelle Aktivitäten unter Beweis stellt, wird aus der Gruppe unversehens eine Bande. Die Kameradschaft verwandelt sich in Komplizenschaft. Damit wird ein Ausstieg außerordentlich schwierig. Jedes Mitglied einer solchen Bande hat nicht nur die Polizei, sondern auch die Rache der anderen Mitglieder zu fürchten. Dann muß man die Kameradschaft eben bis zum bitteren Ende durchstehen und als Märtyrer untergehen.
Wenn diese fatale Logik verstanden wird, läßt sich leichter darüber nachdenken, wie sie vermieden werden könnte. Im Blick auf die rechtsextremistische Szene in Deutschland wird zu fragen sein, ob ihre soziale Ausgrenzung und öffentliche Ächtung nicht möglicherweise kontraproduktiv sind. Darauf will ich später noch einmal zu sprechen kommen.


2.4. Die Bombe lieben
Wenn wir Gewaltfaszination verstehen wollen, müssen wir nun auch Menschen in den Blick nehmen, die überhaupt nicht zu Fan-Gruppen oder subproletarischen Bewegungen passen. Es ist hier an Personen zu denken, die in Situationen zu arbeiten haben, welche einen unerträglichen psychischen Druck hervorbringen. Man könnte zum Beispiel an die Frauen und Männer denken, die in Gefängnissen Dienst tun. Sie stehen kriminellen Gewalttätern oder Verfassungsfeinden (bzw. solchen, die dafür gehalten werden) gegenüber, leben ständig in der Angst vor Angriffen und können sehr wenig davon in ihrem Privatleben außerhalb der Anstalt aufarbeiten. Das gilt in einem noch ausgeprägteren Maße für das Wachpersonal in Militärgefängnissen. Darum verwundert es nicht, daß sich Angehörige des Aufsichtspersonals in Abu Ghraib oder Guantánamo – also zwei Orte, in denen der Krieg gegen den Terrorismus seine handgreiflichste Verdichtung erfahren hat – an Gefangenen vergangen haben. Die bekannt gewordenen Fotos verraten eine Lust an der Übermacht, die nicht nur das Triumphgefühl der Sieger widerspiegelt, sondern auch als eine Kompensation tiefer Ängste verstanden werden kann. Auffällig ist auch hier der pornographische Aspekt der Gewalt. Dieser libidinöse Aspekt gehört zu der Entladung von Spannungen, die sich in einer Situation gesteigerter Gewalt aufstauen.

Fußnote 13 — Dies mag ein Grund sein, warum militärische Gewalt so oft mit Vergewaltigungen einhergeht. Das Machtgefühl der Sieger, das sich durch die Erinnerung an die Qualen der vorangegangenen Schlachten und an die erbrachten Opfer aufgeladen hat, entlädt sich in orgiastischer Gewaltlust.

Wie sehr bestimmte Situationen die Neigungen zu Gewaltfaszination und Gewaltlust erleichtern und befördern können, ist in Philip Zimbardos Beitrag ersichtlich.

Fußnote 14 / Anm. des ÜS: Dieser Hinweis bezieht sich auf das eingangs angeführte Buch. Es enthält außer der redigierten Form des vorliegenden Essays von G. M.-F. acht weitere Beiträge von anderen Autoren, darunter: „Wie gute Menschen zu Übeltätern werden. Eine situationsbedingte Perspektive der Psychologie des Bösen“ von Philipp Zimbardo, S. 15-49.

Ein anderer amerikanischer Psychologe, Robert J. Lifton, hat durchaus andere Berufsgruppen in den Blick genommen, wenn er von Gewaltfaszination spricht.

Fußnote 15 — Immerhin wäre hier sein Buch über die Arbeit von Ärzten in deutschen Konzentrationslagern zu erwähnen: The Nazi Doctors — Medical Killing and the Psychology of Genocide, Basic Books, New York 1986.

Er bezieht sich zum Beispiel auf Reaktionen von Militärs und Forschern, die an der Atombombe und später an der Wasserstoffbombe arbeiteten. (Man könnte freilich ebensogut an die Forschergruppen denken, die in chemischen oder biologischen Labors mit der Entwicklung neuartiger Giftwaffensysteme befaßt sind.) Diese Personen müssen lernen, mit der Erfahrung umzugehen, daß sie an der Herstellung von Massenvernichtungswaffen beteiligt sind. Von ihnen kann der Untergang der gesamten Menschheit abhängen. Dieses Wissen dürfen sie mit keinem Menschen außerhalb ihrer Laboratorien teilen. Sie müssen mit einer Last leben, die ihr Gewissen überfordert. Wie kann das gehen?
Es gibt die Möglichkeit, sich nur für den eigenen kleinen Forschungssektor zuständig zu erklären und die Verantwortung für das Gesamtprodukt an „die Politik“ zu delegieren. Es gibt auch die Möglichkeit, die tödliche Mächtigkeit der produzierten Waffensysteme dadurch zu bagatellisieren, daß man sie hinter harmlos klingenden Namen verbirgt. Daneben und darüber hinaus aber gibt es auch die Möglichkeit, die Vernichtungsmächte zu divinisieren, also als gottartige Kräfte zu verehren. Lifton nennt dies nuclearism

Fußnote 16 — Vgl. insbesondere R. J. Lifton: The Broken Conncetion, On Death and the Continuity of Life, New York 1983, Kapitel 23: Nuclearism, S. 369-387.

und meint damit die religiöse Bewunderung, die der tödlichen Macht von Nuklearwaffen eine göttliche Mächtigkeit zuschreibt. Es handelt sich dabei um „eine extreme Abhängigkeit von den Waffen bis zu dem Punkt ihrer gottesdienstlichen Verehrung, die von ihnen begehrt, was sie nicht geben können – Sicherheit, Schutz, sogar Heil“.

Fußnote 17 — R. J. Lifton: The Future of Immortality and Other Essays for a Nuclear Age, Basic Books, New York 1987, S. 25. (Übers.: G. M.-F.)

Damit verwandelt sich die Energie, von der eine unfaßbare Zerstörung ausgehen kann, in eine Gottheit.
Die Todesmacht wird zum Objekt von Faszination und Schrecken, von awe (Staunen) und Bewunderung und damit zum Gegenstand absoluten Gehorsams. Warum? Einfach gesagt: Um an der Sinnwidrigkeit des eigenen Tuns nicht irrewerden zu müssen. Es ist ein Versuch, mit einer übermächtig gewordenen Gewalt zu leben, ohne unter ihr zu zerbrechen, eine Art Überlebensmechanismus mitten in der erdrückenden Gegenwart von Tod und Vernichtung.
Lifton nennt dies violence immersion oder auch death immersion, ein Untertauchen in Gewalt bzw. Tod. Der in diesem Begriff enthaltene Vorgang des Verschlungenwerdens kann uns helfen, Gewaltfaszination als den Versuch zu verstehen, das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Untermacht dadurch zu überwinden, daß man sich in einem Akt der Verehrung und Anbetung mit dem Übermächtigen verbündet. Violence und death immersion bringen somit den „Violentismus“ hervor, eine suchtartige Bindung an eben die Macht, die zu vernichten droht. Violentismus wird damit zu einem Begriff, der helfen kann, Gewaltfaszination zu verstehen.


2.5. Sein wie Gott – Gewalt über die Natur
Die bisher geschilderten Formen von Gewaltfaszination könnten von vielen Menschen als ein Randphänomen abgetan werden, das sie im Ernst nicht berührt. Darum ist es nötig, an eine weitere Gestalt von Gewaltfaszination zu erinnern, die so alltäglich geworden ist, daß sie kaum mehr ins Auge fällt. Es ist die Faszination in der Gewalt der Menschen über die Natur.
Zu den atavistischen Erinnerungen der Menschheit gehört es ja, den Naturgewalten ausgeliefert zu sein. Jedes Erdbeben und jeder Hurrikan rufen diese uralte Erfahrung der Abhängigkeit, Bedrohung und Verwundbarkeit ins Bewußtsein zurück. Darin meldet sich die Erfahrung der Untermacht angesichts der scheinbar gnadenlosen Übermacht der Natur.
Viele Jahrhunderte lang bestand alle menschliche Arbeit darin, sich dieser Naturgewalten zu erwehren, sich ihnen anzupassen oder Schlupflöcher des Überlebens zu finden. Als um so befriedigender mußten alle Erfindungen und Techniken gelten, mit denen Menschen Macht über die Natur gewannen. Ist es daher abwegig zu vermuten, daß der Schwung und das Pathos der großen Zivilisationen, die sich in den letzten sechstausend Jahren entwickelt haben, in dem Hochgefühl und der Faszination wurzeln, daß der Mensch sich der Natur bemächtigen kann?
Ein Dokument dieses Hochgefühls ist Psalm 8, der die uralte Frage „Was ist der Mensch?“ in Bildern überschwänglicher Herrschaft beschreibt: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan …“ (Vers 5–7). Dieses „Wenig niedriger als Gott“ verweist in der Bibel natürlich auf die Schöpfungsgeschichte, in der von den Menschen, von Frau und Mann, gesagt wird, sie seien zum Bilde Gottes geschaffen und damit über alle anderen Teile der Schöpfung erhoben, zum Herrschen bestellt (1. Mose 1, 27ff.).
Die Bibel ist denn auch realistisch genug festzustellen, daß es von der Ebenbildlichkeit Gottes nur ein Schritt zum „Sein wie Gott“ ist. Dies allerdings hält sie für den Sündenfall schlechthin, wie die Geschichte von der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies drastisch bezeugt (1. Mose 3). Damit wird bereits in der Schöpfungsgeschichte und damit vor dem Beginn aller menschlichen Geschichte die selbstkritische Erkenntnis verankert, daß die Faszination der Weltbemächtigung eine Versuchung ist, die mit dem Faktum der Geschöpflichkeit nicht vereinbart werden kann.
Gleichwohl hat diese archaische Warnung die Faszination der Weltbemächtigung nicht aufhalten können. Um den Blick auf die abendländische Geschichte zu konzentrieren, so ist unschwer festzustellen, daß das „Sein wie Gott“ zum Pathos der Neuzeit gehört. Jürgen Moltmann hat verschiedentlich darauf hingewiesen, daß „seit Francis Bacon und René Descartes … die expandierende Herrschaft des Menschen über die Natur seine Gottesebenbildlichkeit begründen und zur Gottähnlichkeit führen“ soll. Und er fährt fort: „Das Ziel der Weltherrschaft des Menschen durch Wissenschaft, Technik und Ökonomie soll die Wiederherstellung seiner Stellung im Paradies sein. Er soll durch sie zum maitre et possesseur de la nature werden.“

Fußnote 18 — J. Moltmann: Kirche in der Kraft des Geistes. Ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie, München 1975, S. 194. Ähnlich in: Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie, München 1991, S. 213.

Diese Faszination, vermöge der neugewonnenen Macht auch zum „Maitre“ des paradiesischen Heils zu werden, hat sich in der Entdeckungsgeschichte der Neuzeit viele säkulare Ausdrucksformen geschaffen. Für die Männer, die aus den engen und aussichtslosen Verhältnissen Europas kamen, präsentierten sich die großen Kontinente Afrika, die Amerikas und Australien als unendlich erscheinende Räume voller paradiesischer Möglichkeiten. Die Faszination der grenzenlosen Weiten gab dem Drang, sie in Besitz zu nehmen, einen geradezu orgiastischen Reiz. Nicht umsonst wurde Amerika zum „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
Auch hier konnten biblische Bilder wie ein Skript dienen: „In der Wüste bereitet dem Herrn einen Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbar werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen …“ (Jes. 40, 3–5). Tausendfach ist diese Vision bis heute verwirklicht worden, wobei freilich an die Stelle des „Herrn“, von dem Jesaja spricht, neue Herren und Götter getreten sind. Im 19. Jahrhundert war es die Lokomotive, zu deren Ehre Berge abgetragen oder durchstoßen, Täler aufgefüllt oder mit Brücken überspannt wurden. Im 20. Jahrhundert geschah des gleiche, damit die Herrlichkeit des Automobils offenbar werden konnte.
Es gibt viele andere Beispiele, die belegen können, daß unter der Verherrlichung der Errungenschaften des modernen Lebens und unter den Segnungen der Technik der Aspekt der Gewalt verborgen wurde. Es wird gemacht, was gemacht werden kann. Dieses Pathos der Macht verwandelt die Mitgeschöpfe in Objekte, die Schätze der Natur in Ressourcen, Lebewesen in Maschinen.
Das Merkwürdige an dieser Gestalt von Gewaltfaszination besteht darin, daß sie sowohl einzelne Menschen (Entdecker, Züchter, Industrielle, Ingenieure usw.) als auch Gruppen und Gesellschaften ergreifen kann. Was man das Pathos der Moderne nennen kann, enthält, gleichsam als seinen Schatten, auch die Faszination der Gewalt. Die Versuchungen, die von der grenzenlosen Machbarkeit ausgehen, verstellen den Blick auf ihre gewalthaltige Unterseite.
So unbestreitbar es ist, daß sehr viele Entdeckungen, Erfindungen und Produktionsformen für die Menschheit hilfreich und heilsam geworden sind, so ist doch auch nicht mehr zu übersehen, daß sie zu atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen, zu sozioökonomischen Verzerrungen in der Weltbevölkerung und zu ökologischen Verwüstungen geführt haben, die das Überleben der Menschheit, das sie eigentlich gewährleisten sollen, radikal in Frage stellen. Die Erfahrung des Ungenügens angesichts einer übermächtigen Natur hat Menschen immer wieder zur Gewaltfaszination im Umgang mit ihr verleitet. Und es scheint nicht zuletzt diese Faszination zu sein, die eine entschlossene Abkehr von dem Paradigma der Beherrschung und Ausbeutung der Natur verhindert. Um noch einmal Moltmann zu zitieren, der bereits 1975 feststellte: „Das grenzenlose Wachstum der Ansprüche auf mehr Leben, größere Macht und erweiterte Herrschaft war bisher der innere Brennstoff des ‚Fortschritts‘. Es ist heute abzusehen, daß es auch der Brennstoff der Katastrophe sein wird.“

Fußnote 19 — Jürgen Moltmann: Kirche in der Kraft des Geistes, 1975, S. 195.

Dreißig Jahre später frage ich mich, ob die Nähe der Katastrophe nicht zu einer Variante des oben erwähnten Violentismus geführt hat. Mir scheint, als habe die Unanschaulichkeit und Überkomplexität der Bedrohungsszenarien eine Art von Zukunftslosigkeit oder Ziellosigkeit mit sich gebracht, die durchaus als death immersion aufgefaßt werden kann, mit der Folge, daß eben diese Todesnähe die Gewaltfaszination verstärkt und ein radikales Umdenken verstellt.

3. Systematische Vertiefungen

3.1. Klaus Horn: Apathie — Langeweile — Lust am Krieg
In dem Buch „Friedensbewegung – Persönliches und Politisches“, das Klaus Horn zusammen mit Eva Senghaas-Knobloch veröffentlicht hat, befindet sich auch sein „Dossier: Die insgeheime Lust am Krieg, den keiner ernsthaft wollen kann. Aspekte einer Soziopsychodynamik phantastischer Beziehungen zur Gewalt“.

Fußnote 20 — Im Auftrag des Komitees für Grundrechte und Demokratie, Fischer. Informationen zur Zeit, Frankfurt/M. 1983, S. 268–339. Seitenangabe im Text.

Horn setzt mit der Frage ein: Woher kommt die politische Apathie, welche weite Kreise in der Gesellschaft davon abhält, sich für etwas zu engagieren, das sie eigentlich von ganzem Herzen wünschen müßten, nämlich für den Frieden? Horn meint mit politischer Apathie das „Mitläufertum aus Verlegenheit und Bequemlichkeit, aus Angst, aus Hilflosigkeit und quasi kindlicher Begeisterung für scheinbar große Männer“ (S. 277). Er nennt damit Motive, die zwar je für sich unterschiedlicher Natur sind, aber doch in einer sozialpsychologischen Haltung zusammenfließen, die eine offenkundige Entfernung von konkretem politischem Interesse signalisiert. Anders gesagt: Wie kommt es, daß offenbar viele Menschen der Politik ebenso gegenüberstehen wie dem Wetter? Dahinter steht die Erfahrung, politischen Krisen und Problemen ebenso hilflos ausgeliefert zu sein wie Naturkatastrophen. Dieser „Prozeß des Entwöhntwerdens und der Selbstentwöhnung von Politik“ (S. 283) schafft eine seelische Spannung, in welcher sich Untätigkeit und ein diffuser Handlungsdrang mischen. So wird der Friede zu einem Zeit-Raum, in dem „nichts“ geschieht. Diese gesellschaftlich hervorgerufene innere Spannung nennt Horn Langeweile. Wer ihr entkommen will, sucht konsequenterweise nach dem Krieg als dem Abenteuer, das die Phantasien, nicht zuletzt die destruktiven, belebt und die Erfahrung der eigenen Kräfte ermöglicht, gerade auch solcher, die in Friedenszeiten als unsittlich gelten und nicht ausgelebt werden dürfen. Horn verweist auf eine Befragung von Schülerinnen und Schülern, die belegt, daß viele von ihnen den Dienst in der Bundeswehr offensichtlich als eine Flucht aus der Langeweile betrachten, als eine Art Abenteuerurlaub.
Unter Verweis auf Freud und Fenichel legt Horn dar, daß Langeweile alles andere als ein gelegentlicher Müßiggang ist, sondern aus dem „grundsätzliche[n] Gegeneinander von Wunsch und Norm“ erwächst. Der Triebwunsch ist da, darf jedoch aufgrund gesellschaftlicher Normen und Werte nicht ausgelebt werden. Also werden Ersatzhandlungen gesucht, in denen diese Spannung aufgelöst werden kann, nun aber mit gesellschaftlicher Anerkennung. Wir können, folgert Horn, „den Mechanismus der Langeweile als einen Verschiebebahnhof für unerfüllte Wünsche verstehen“ (S. 302).
Es versteht sich von selbst, daß dieser Mechanismus sich mit Ungeduld mischt. Denn je größer die Langeweile ist, desto dringlicher wird der Wunsch nach Umständen, in denen sie aufgelöst werden kann.
Nun gehört aber der Krieg immer noch — oder bereits wieder — zu den gesellschaftlich anerkannten Ausnahmezuständen, in denen ausagiert werden darf, was in Friedenszeiten verboten ist. Jedenfalls galt und gilt der Befehlsnotstand als hinreichender Grund für Überschreitungen von Normen, die sonst durch strenge Grenzen geschützt sind. Deshalb ist die Faszination, die der Krieg und darin vor allem seine Gewalt auslöst, eine willkommene Befreiung aus der Langeweile.
Am Beispiel von Ernst Jünger verdeutlicht Horn, wie der Krieg als „Fest für eine kasernierte Sinnlichkeit“ (S. 304) gefeiert werden kann. „Eine große, überdröhnte Unzufriedenheit am Grund“, so kennzeichnet Jünger in einem Essay von 1922 die seelische Befindlichkeit von Menschen, die sich „im Schoße versponnener Kultur“ befinden, um dann zu folgern: „Da entschädigte sich der Mensch in rauschender Orgie für alles Versäumte. Da wurden seine Triebe, zu lange schon durch die Gesellschaft und ihre Gesetze gedämmt, wieder das einzige und Heilige und die letzte Vernunft.“ (S. 305). Deutlicher läßt sich die Verbindung von Kriegsbegeisterung und orgiastischer Triebabfuhr schwerlich beschreiben. Die „Wollust des Blutes, die über dem Krieg hängt“ (S. 308) ist ein weiterer aufschlußreicher Satz, mit dem Jünger den Krieg als die Enthemmung des durch die Zivilisation gebundenen Menschen verherrlicht.
Was bei Jünger heldisch-poetisch tönt, taucht in dem oben erwähnten Ausspruch des jugendlichen Fans von Hannover 96 wieder auf: Das Brüllen als Ausbruch aus einer „total verplanten“ Welt. Wenn bei Jünger der „Rausch des Kampfes“ von „Schnaps und Wein“ beflügelt wird (S. 306), so bewirken dies Flachmann und Bierdose bei den Fans und bei rechtsextremistischen Aufmärschen. Horn folgert: „Lange Aufgestautes, Verdrängtes, der Zorn über das eigene Überflüssigwerden und die unbekannte Herkunft des Unbehagens in der Kultur setzt sich in blindwütiges Tun um – um den Preis der Herausforderung des Todes.“ (S. 310).
Der Ausdruck „Unbehagen in der Kultur“ verweist auf Freuds einflußreiche Abhandlung aus dem Jahre 1930 mit dem gleichem Titel. In ihr hebt Freud die primäre Feindseligkeit der Menschen gegeneinander als die ständige Bedrohung einer Kulturgesellschaft hervor. Demnach sind „triebhafte Leidenschaften… stärker als vernünftige Interessen. Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen …“ (S. 321).
Es ist fraglich, ob dieser Gegensatz auch heute noch brauchbar ist. Die „Kulturgesellschaft“ des Jahres 2005 erscheint weniger als die Größe, welche die Aggressivität der Menschen begrenzt. Als Rechtsgemeinschaft verfolgt sie diese Rolle. Aber als Mediengesellschaft verstärkt sie die „Feindseligkeit der Menschen gegeneinander“, indem sie beständig und auf immer krudere Weise ihre Spielarten ausprobiert. Sie sorgt für das „Tittitainment“, für Sex und Unterhaltung. Damit trägt sie dazu bei zu verdecken, daß die von ökonomischen Interessen dominierte Gesellschaft immer unverhohlener einen beträchtlichen Teil der Menschen in die soziale Bedeutungslosigkeit stößt. Ich habe das weiter oben das System der Exklusion genannt.
Was bei Ernst Jünger „Langeweile“ war und ihn bewog, sich in die „Orgie“ des 1. Weltkrieges zu stürzen, sieht heute durchaus anders aus. Die Langeweile, diese „lebensgeschichtlich entstandene Spannung …, die sich äußere Anlässe zur Entspannung sucht“ (S. 333), wird jetzt durch einen anderen Krieg befördert. Denn so läßt sich der immer stärker werdende, global verbreitete ökonomische Verdrängungswettbewerb gegen die schwächsten Glieder der Weltgemeinschaft durchaus bezeichnen. Die Opfer dieses unerklärten Krieges sind die armen und verelendenden Menschen in den Regionen des Südens; zu ihnen gehören auch die marginalisierten Arbeitslosen in den Ländern des Nordens. Es gehören dazu die Kinder und Jugendlichen, die nachkommenden Generationen, deren Erblast immer bedrückender wird. In diesem Verdrängungskrieg bringt schließlich die Schöpfung selber die größten Opfer.


3.2. Elias Canetti: Masse und Macht
Elias Canetti hat Jahrzehnte lang an seinem Lebensthema „Masse und Macht” gearbeitet.

Fußnote 21 — Elias Canetti: Masse und Macht, Fischer TB, 29. Auflage 2003.

In seiner Lebensgeschichte mit dem Titel „Die Fackel im Ohr“ beschreibt er die alles auslösende Erleuchtung mit folgenden Worten: Es „zuckte mir plötzlich durch den Kopf, daß es einen Massentrieb gab, der immer im Widerstreit zum Persönlichkeitstrieb stand, und daß aus dem Streit der beiden der Verlauf der Menschheitsgeschichte sich erklären lasse …“

Fußnote 22 — „Die Fackel im Ohr“, München/Wien, S. 141.

Canettis Einsichten, die hier natürlich nicht umfassend behandelt werden können, sind für die Frage der Gewaltfaszination von großem Belang. Ich konzentriere mich auf drei Überlegungen.


3.2.1. Erlösung von der Berührungsfurcht
Zuerst nenne ich Canettis Hinweis, mit dem übrigens sein „Masse und Macht“ beginnt, daß Menschen nur in der Masse von ihrer „Berührungsfurcht“ erlöst werden können. Berührungsfurcht kennzeichnet den Umstand, daß jeder Mensch sehr genau auf die Grenzen seiner individuellen Integrität achtet und diese fortwährend zu bewahren sucht. „Alle Abstände, die die Menschen um sich geschaffen haben, sind von dieser Berührungsfurcht diktiert.“

Fußnote 23 — Masse und Macht, a. a. O., S. 13.

Die Faszination der Masse besteht nun darin, von dieser Furcht erlöst zu werden und das Gegenteil zu erleben, nämlich eine neue, größere Körperlichkeit. „Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht … Keine Verschiedenheit zählt, nicht einmal die der Geschlechter … Es geht dann alles plötzlich wie innerhalb eines Körpers vor sich.“

Fußnote 24 — A. a. O., S. 14. (Kursivschreibung im Text)

(Diese Beobachtung unterstreicht die oben beschriebene Faszination, die Tausende von Menschen in einem Fußballstadion zu einer Fan-Gemeinde, genauer zu einem einzigen Körper zusammenschmelzen läßt.)
Die Faszination, sich einer solchen Masse zu überlassen, besteht in dem Erlebnis einer grandios gesteigerten Mächtigkeit. Sie hat in sich das Element der Erlösung, indem und weil sie die Gelegenheit eröffnet, die Beschränkungen einer als ungenügend empfundenen persönlichen Mächtigkeit hinter sich lassen zu können, und sei es nur für die Dauer eines Fußballspiels, eines Aufmarsches oder einer „Machtdemonstration“ in der U-Bahn.
Daraus ist zu folgern, daß die Attraktivität der Masse in dem Maße zunimmt, als Menschen sich in ihrer eigenen Existenz als beschädigt oder eingegrenzt empfinden. Die Übermacht der Masse entspricht damit der Untermacht ihrer einzelnen Glieder.
So wird begreiflich, daß Canetti die Masse durchaus nicht nur als ein negatives Phänomen in der Menschheitsgeschichte versteht. Revolutionen zum Beispiel sind stets Bewegungen der Masse zur Erlangung von Zielen gewesen, welche einem großen Teil der jeweiligen Bevölkerung vorenthalten worden waren. Offenbar bedarf die Menschheit dieser Möglichkeit, um unerträglich gewordene Spannungen, man denke etwa an soziale Diskrepanzen oder diktatorische Unrechtsverhältnisse, zu überwinden.

Fußnote 25 — Allerdings sind auch die manipulativen Möglichkeiten dieser Relation zu allen Zeiten von herrschenden Eliten ausgenutzt worden. Das programmatische Stichwort „panem et circenses“ [Anm. des ÜS: Brot und Spiele] aus der Zeit der Römer belegt dies. So ist denn auch die Vermutung nicht allzu fernliegend, daß Großveranstaltungen der Unterhaltungsindustrie wie Fußballweltmeisterschaften, Olympische Spiele, Stadtfeste etc. in dem Maße zunehmen, als das Ungenügen immer größerer Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern mit ihren Lebensbedingungen zunimmt.


3.2.2. Das Motiv der Entladung
Dazu gehört ein anderes Moment, das Canetti beschreibt: „Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt, ist die Entladung … Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheit loswerden und sich als gleiche fühlen.“

Fußnote 26 — Masse und Macht, S. 16. (Kursivschreibung im Text)

Das Wort „loswerden“ zeigt an, daß es sich dabei um eine Befreiung von Spannungen handelt, mit denen die einzelnen Menschen in ihrer Individualität nicht (mehr) zurechtkommen. Mehr noch: Wenn die Entladung sich mit dem Erlebnis der Gleichheit einstellt, steht zu vermuten bzw. zu befürchten, daß es sich um den Versuch einer Befreiung von der Individualität selbst als einer unerträglich gewordenen Last handelt.
Auch diese Beobachtung berührt sich eng mit der weiter oben ausgeführten Überlegung, daß junge Männer die Kameradschaft einer extremistischen Gruppe suchen, weil sie ihnen die Erlösung von einer unerträglich gewordenen Loser-Karriere verspricht. Dadurch wird der Prozeß der De-Individuation zu einem erstrebenswerten Ziel. Das ungenügende Ich gegen ein machtvolles Gruppen-Ich auszutauschen, bekommt eine verführerische Qualität.
Die Nähe der Überlegungen von Canetti zu dem Thema der Gewaltfaszination ist offensichtlich: Die Entladung der Masse ereignet sich nicht im luftleeren Raum, nicht nur in der vergleichsweise harmlosen Begegnung von Fan-Gruppen, sondern in politisch brisanten Konstellationen. Extremistische Strömungen linker wie rechter Provenienz treffen auf Gesellschaften, die durch Arbeitsmigrationen, religiöse Verschiebungen oder soziale Schieflagen verunsichert sind, und entdecken die Potentiale von Entladung nicht nur als Mittel, um neue soziale Rechte zu erstreiten, wie es die Arbeiterbewegung tat, sondern eben auch als politisch radikalisierte Gewalt, wie es die nationalsozialistische Bewegung in großem Unfang betrieb und wie es heute in Deutschland vor allem von rechtsextremistischen Gruppen angestrebt wird.
In diesem politischen Kontext wird das Element der Faszination um den Aspekt des Heroischen verstärkt. Dadurch erhält die Gewaltlust eine scheinbare politische oder gar religiöse Rechtfertigung und läßt sich als Märtyrertum verklären.

Fußnote 27 — Die Selbstmordattentate von palästinensischen Jugendlichen oder von Angehörigen anderer radikaler islamistischer Bewegungen bestätigen diese Beobachtung.


3.2.3. Die Gewalt der Masse
Wenn es richtig ist, daß alle Macht die Gewalt als ihr Verhängnis bei sich führt, dann gilt das auch für die Macht der Masse, unabhängig von den Gestalten, in denen sie auftritt. Darum kommt Canetti in den Anfangsstücken seines Buches „Masse und Macht“ auf die Zerstörungssucht zu sprechen.

Fußnote 28 — A. a. O., S. 18ff. Es muß allerdings sofort klargestellt werden, daß Canettis Begriff von Gewalt sich stark von dem Gewaltverständnis, das ich vorschlage, unterscheidet. Für ihn ist Gewalt die enge und unmittelbare Form von Macht. Oder umgekehrt: „Wenn die Gewalt sich mehr Zeit läßt, wird sie zur Macht. Aber im Augenblick der Entscheidung und Unwiderruflichkeit ist sie wieder reine Gewalt.“ So in „Masse und Macht“, S. 333. In ihrer — psychologischen wie ethischen — Wertigkeit unterscheiden sich Gewalt und Macht nicht, sondern nur in ihrer Dichte und Schlagkraft. Gewalt ist mithin lediglich ein anderer Aggregationszustand von Macht. Ich halte dieses Verständnis von Gewalt für unbefriedigend.

„Am liebsten zerstört die Masse Häuser und Gegenstände“, notiert er und fährt fort, „daß der Lärm der Zerstörung, das Zerbrechen von Geschirr, das Klirren von Scheiben zur Freude daran ein Beträchtliches beiträgt: Es sind die kräftigen Lebenslaute eines neuen Geschöpfes …“

Fußnote 29 — A. a. O.

Ein wenig später schreibt Canetti: „Das eindrucksvollste von allen Mitteln der Zerstörung ist das Feuer.“

Fußnote 30 — A. a. O., S. 19f. (Kursivschreibung im Text). Vgl. dazu auch die Schilderung des Arbeiteraufstands von Wien am 15. Juli 1927 in „Die Fackel im Ohr“, S. 274ff.

Die „Zerstörungssucht“ hat bei Canetti ein ambivalentes Gesicht. Sie ist zum einen das Mittel, um Ordnungen zu erschüttern, die sich als unverrückbar gültig etabliert haben. Sie ist also fließende Gewalt, die sich gegen kompakte Gewalt wendet. So lassen sich revolutionäre Strömungen deuten. Ihre Gewalt gegen Sachen soll systemische Gewalt offenlegen und überwinden.
Zum andern trägt die Zerstörungssucht als Sucht ihre eigene Maßlosigkeit in sich. Canetti schreibt: „Der einzelne Mensch selbst hat das Gefühl, daß er in der Masse die Grenzen seiner Person überschreitet. Er fühlt sich erleichtert, da alle Distanzen aufgehoben sind, die ihn auf sich zurückwarfen und in sich verschlossen.“

Fußnote 31 — A. a. O., S. 19. (Kursivschreibung hinzugefügt!)

Die Überschreitung der mit dem Personsein gesetzten Grenzen und die Erleichterung, die damit gespürt wird, sind selber Merkmale von Machtmißbrauch, also von Gewalt. Die Masse verdankt sich also der Bereitwilligkeit, mit der sich ihre Glieder, die einzelnen Personen, der sozialen Grenzen ihrer Mächtigkeit entäußern. Individualität erscheint als Begrenzung, Personsein als Last. Sich dieser Last zu entledigen, erscheint als Lustgewinn.
Wenn wir diese Überlegung mit der Beobachtung verbinden, daß z.B. rechtsextremistische Jugendliche an ihrer „Loser-Karriere“ leiden, wird verständlich, warum sie mehr als erleichtert sind, wenn sie die Grenzen dieses Ich überschreiten können, um sich der zerstörerischen Gewalt der Masse zu überlassen. Daß darin etwas Suchtartiges liegt, läßt sich unschwer begreifen.


3.3. Das geschlossene Milieu und die heroische Illusion
Es war bereits davon die Rede, daß Robert Jay Lifton eine Gewaltfaszination bei Militärs oder Wissenschaftlern, die dauernd mit Massenvernichtungswaffen beschäftigt sind, feststellt. Das Eintauchen in die Gewalt oder den Tod (violence and death immersion) produziert eine psychische Extremsituation, die entweder zu einer radikalen Kritik (und damit zum Ausstieg bzw. „Verrat“) oder aber zu einer ebenso radikalen Verinnerlichung führen kann. Diese Verinnerlichung äußert sich als eine libidinöse und quasi-religiöse Identifizierung mit den zerstörerischen Gewalten. Im Blick auf die nuklearen Vernichtungspotentiale nennt Lifton diesen Zustand Nuklearismus. Im Anschluß daran habe ich von Violentismus gesprochen. Diese lustbesetzte Identifikation mit der Gewalt soll nun etwas genauer ins Auge gefaßt werden.


3.3.1 Die normative Macht des geschlossenen Milieus
Zuerst muß unterstrichen werden, daß Violentismus sich in einem geschlossenen Milieu entwickelt. Dabei können die Bedingungen, die dieses Milieu schaffen, sehr unterschiedlich sein. Es kann eine mafiotische Gemeinschaft sein, eine politisch oder religiös motivierte Bande (wie die RAF oder Al-Kaida), aber auch ein Team von wissenschaftlichen Spezialisten, das an einem geheimgehaltenen Rüstungsprojekt arbeitet. Die Kohäsion eines geschlossenen Milieus wird durch interne Ehrenkodices, durch Drohungen und Gratifikationen, gefestigt.
Innerhalb eines solchen Systems entwickelt sich ein Gruppen-Ich, das seine eigenen Normen bildet und sein eigenes Recht aufrichtet. Für die einzelnen Mitglieder dieser Gruppe ergibt sich daraus der Zwang, ihre Identität zu „verdoppeln“.

Fußnote 32 — Bei Lifton besitzt der Begriff des doubling eine zentrale Bedeutung. Vgl.: The Future of Immortality, Kapitel 14: The Faustian Bargain, S. 195 ff.

Gemeint ist damit, daß sich neben dem ursprünglichen Selbst ein neues Selbst etabliert. Extreme Beispiele bilden KZ-Schergen, die privat liebevolle Familienväter waren und „im Dienst“ sadistische Schlächter. Ein anderes Beispiel ist, daß Eltern beobachten, wie sich bei ihrem heranwachsenden Sohn, der einer extremistischen Gruppe beigetreten ist, eine Persönlichkeit herausbildet, die sie nicht kannten.
Dieses Doubling enthält ein Element des Gewaltsamen insofern, als es der originären Identität Zwang antut. Für den Betroffenen allerdings erscheint dies als Gewinn, weil er mit seinem neuen Ich an der Mächtigkeit der Gruppe partizipiert und mit ihr wichtiger wird, als er vorher in seiner Einzelheit war. Das kleine Ich von vorher wird durch das Gruppen-Ich vergrößert.


3.3.2. Die heroische Illusion
Damit entsteht eine Dynamik, die sich zuspitzt, je extremer sich die Bedingungen und Ziele innerhalb des geschlossenen Milieus ausbilden. Ich nenne sie die heroische Illusion.
Je unerbittlicher die Forderungen werden, desto extremer wird auch die Notwendigkeit, den erforderlichen Gehorsam als eine heroische Großtat zu bewerten. So kann extreme Gewalt als besonders heldenhaft gelten.

Fußnote 33 — Das militärische Gratifikationssystem der Orden- und Ehrenzeichen baut darauf auf.

Die heroische Illusion verhilft dem Violentismus dazu, die manifeste Gewalt umzudeuten und zu rechtfertigen. Wie unterschiedlich die Argumentationen sein können, wird an folgenden Beispielen ersichtlich: So kann etwa die Konstruktion von Massenvernichtungswaffen als Dienst am ultimativen Frieden erscheinen. Oder es können die Einschüchterungskampagnen rechtsextremer Gruppen als „Befreiungsaktionen für Deutschland“ dargestellt werden, weil ja angeblich die gewählten Politiker die ureigensten deutschen Interessen längst ans Ausland verschachert haben. Oder es verwandeln sich fremdenfeindliche Rassisten in Bewahrer einer angeblichen „völkischen Reinheit“. Je intensiver nach innen der Eindruck des „Alle sind gegen uns!“ vermittelt werden kann, desto eindeutiger können sich dann sogar Banditen als Helden und Hüter einer neuen Rechtsordnung gerieren.
Die heroische Illusion hat mit Beginn des 21. Jahrhunderts in dem weltweiten Terrorismus eine neuartige und entsetzliche Variante gefunden: die Selbstmordattentäter. Was bisher in allen Religionen und Rechtsordnungen der Welt als das Verwerflichste galt, nämlich der Selbstmord, besonders in Verbindung mit der Ermordung unschuldiger Mitmenschen, wird zu einem heldischen Akt umgedeutet, der Märtyrerglanz und paradiesische Freuden verspricht. Damit kann der Violentismus sein verzweifeltes Gesicht verleugnen und sich eine triumphale Pose aneignen, die ihn zusätzlich attraktiv macht.

4. Faszination überwinden?

Es zeigt sich also, daß die Überwindung von Gewalt mit Hilfe von Appellen, Drohungen und Gesetzen nur auf eine äußerliche und oberflächliche Weise betrieben, im Kern jedoch nicht erfolgreich sein kann. So lange die inneren Antriebe nicht verstanden und verwandelt werden, kann von einer echten Überwindung nicht die Rede sein. Was aber müßte geschehen und wie können christliche Gemeinschaften und Kirchen dazu beitragen, daß die tiefsitzenden Formen von Gewaltlust und Gewaltfaszination ihre Attraktivität verlieren? Fünf Beobachtungen legen sich nahe.


4.1. Wiedergewinnung individueller Selbstgewißheit
Daß Gewaltfaszination als eine Kompensation von Untermacht verstanden werden kann, ist eine Hauptthese dieses Essays. Zu ihr gehört auch, daß die momenthafte Gewaltbefriedigung, die sich mit dem kurzfristigen Gewinn von Übermacht einstellt, oft nur durch die gesammelte Macht einer Gruppe erreicht werden kann, was wiederum den Prozeß der De-Individuation vertieft. Positiv gewendet: Wer seine Gewaltgeilheit loswerden will, muß die Erfahrung machen, daß er sie nicht (mehr) benötigt, um mit sich eins zu sein. Aber wie kann ein Mensch mit sich zufrieden sein, wie kann er mit seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Ängsten und Hoffnungen Frieden machen, wenn er immer wieder mit dem eigenen Ungenügen konfrontiert wird? Das kann nur dann gelingen, wenn er die Erfahrung macht, daß er so, wie er ist, als wertvoll und liebenswürdig gilt, und daß er mit seinen Kräften etwas bewirken kann, das ihm soziale Anerkennung einbringt. Einfach gesagt: Der Prozeß der Re-Individuation kann in dem Maße gelingen, als ein Mensch Liebe erfährt. Das ist vor allem die Liebe eines Partners / einer Partnerin, die tiefe Zuneigung einer Familie. Sie weckt die fundamentale Kraft, die einem Menschen Selbstgewißheit geben kann.

Fußnote 34 — Der stellvertretende Chef der White Aryan Resistance in den USA, Timothy Zaal, brach radikal mit seiner gewaltsüchtigen, rassistischen Vergangenheit, als ihm klar wurde, daß seine Frau und er ihren zwei Jahre alten Sohn auf die gleiche Spur zu bringen drohten. Er ließ sich scheiden und ist jetzt glücklich mit einer jüdischen Frau verheiratet. Vgl. Peter W. Schroeder: Einst King der Skinheads, Weser-Kurier, 23.1.2005, S. 4. [Ergä. im Buch: Auch der in Anm. 11 erwähnte Nick Greger konnte die Neonazi-Szene verlassen, als er in Namibia die Liebe einer Frau und die großherzige Akzeptanz namibischer Menschen erfahren hatte. Dazu Birgit Rommelspacher von der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin: Das ist ein Erlebnis, das eine ganze Reihe von Aussteigern schildern … diese Anerkennung als Mensch ohne Wenn und Aber …“, R. Cantzen, a. a. O., S. 3.]

Die Überwindung des Ungenügens und der Gewinn von Selbstvertrauen werden in dem Maße gelingen, als ein Mensch eine persönliche und existentielle Wertschätzung erfährt. Sie muß ergänzt werden durch das, was soziale Wertschätzung genannt werden könnte. Das wichtigste Bewährungsfeld dafür ist eine Arbeit, die Anerkennung verschafft, eine Anstellung, in der man sich bewähren kann.
Nun sind aber gerade diese beiden Gegenkräfte zur Gewalt, nämlich Liebe und Arbeit, selbst höchst anfällig für Gewalt. Das zu übersehen, wäre naiv. Alle Gestalten der Liebe, nicht nur die erotische, tragen ihre Verkehrung in das Gewalttätige stets bei sich. Gerade in den intimsten Beziehungen beweist sich, daß Gewalt, wie eingangs erwähnt, ein anthropologisches Verhängnis ist. Dennoch besitzen diese intimsten Kräfte des Eros, der Philia und der Agape, um die drei Beschreibungen [Anm.: Aspekte] der griechischen Antike für Liebe aufzugreifen, auch die Kraft, gewaltsame Übergriffe und Verletzungen zu heilen. Denn in den meisten Gewaltakten, wenn sie überhaupt justiziabel sind, ist mit einer gerichtlichen Ahndung wenig gewonnen. Hier kommt es auf die Kraft der Versöhnung an; sie ist die Möglichkeit, mit der Heilung von beschädigten Beziehungen auch die eigene Integrität wieder aufzurichten.

Fußnote 35 — Vgl. dazu: G. Müller-Fahrenholz: Versöhnung statt Vergeltung — Wege aus dem Teufelskreis der Gewalt, Neukirchen-Vluyn, 2003.

Bei der Arbeit, der anderen Gegenkraft zur Gewalt, ist es ähnlich. Wie leicht Arbeit zu Ausbeutung wird, zu einem Mißbrauch der eigenen Energien sowie der Kräfte anderer Menschen und der natürlichen Umwelt, braucht nicht eigens betont zu werden. Auch hier ist die Gewalt als verhängnisvoller Schatten stets zur Stelle. Doch auch hier gilt, was über die Selbstheilungskräfte der Liebe angedeutet wurde: Die Arbeit, also dieser unendlich vielfältige Austausch von Energien zur Gestaltung menschenwürdiger Verhältnisse, enthält auch die Energie, für gerechte, faire und menschenwürdige Bedingungen zu sorgen.
Diese Selbstheilungskräfte von Liebe und Arbeit immer wieder und gegen allen Augenschein zu bezeugen, ist der eigentliche Daseinszweck des christlichen Glaubens. Die Erinnerung an den Tod Jesu gibt diesem Daseinszweck Tiefe und Reichweite. „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.“ (Mt. 5, 44) Dieser Satz stellt der Faszination der Gewalt die Faszination einer versöhnten Welt gegenüber.
Die Menschen zu lieben, die man am liebsten verachten möchte, den Menschen, die sich im Grunde selbst verachten, einen unendlichen Wert zuzurechnen, sie in ihrer Würde anzusprechen und ihnen etwas Konstruktives zuzutrauen, ist praktiziertes Evangelium.
Wenn diese Sicht ernstgenommen wird, stellt sich die Frage, ob die gesellschaftliche Ächtung von rechtsextremistischen Gruppen für die christlichen Kirchen der ausschließliche Weg sein kann, um Gewaltfaszination zu überwinden. Gewiß, diese Ächtung ist verständlich, weil die Empörung über die Verachtung der demokratischen Ordnungen seitens neonazistischer Bewegungen sie gebietet. Sie wird jedoch nur eine äußerliche Eindämmung bewirken können, das Phänomen der Faszination jedoch intensivieren. Darum legt sich die Frage nahe, ob nicht die Ächtung bestimmter Aktionen durch ernsthafte und substanzielle Angebote zur gesellschaftlichen Integration und Anerkennung ergänzt werden müßte.
Wie wäre es, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn die Jugendwerke der Kirchen rechtsextremistische Gruppen einladen würden, gemeinsame Aufforstungsprojekte durchzuführen, um sie so in konstruktive und angesehene Projekte einzubinden?
Ich denke, daß dieser Ansatz auch auf das Phänomen des weltweiten Terrorismus bezogen werden muß. Eine bloße Ächtung und eine immer radikalere Bekämpfung mit polizeilichen oder gar kriegerischen Mitteln werden kontraproduktiv bleiben. So wesentlich die juristische Ahndung terroristischer Verbrechen ist – und dazu wird ein international funktionierendes Rechtssystem immer dringlicher – so deutlich scheint mir auch die Notwendigkeit zu sein, politisch-soziale Maßnahmen zu fördern, welche die Aufrichtung persönlicher Wertschätzung und gesellschaftlicher Anerkennung zum Inhalt haben. Die De-Individuation, die bei Selbstmordattentätern ihren massivsten Ausdruck findet, kann nur durch Angebote der Re-Individuation, also der Wiedergewinnung echter Lebenschancen und Zukunftsaussichten, überwunden werden. Die massive Erfahrung der Beschämung und Demütigung, die durchaus nicht immer mit ökonomischer Verelendung einhergehen muß, schafft in vielen Völkern eine gefährliche Mischung aus Zorn und Verbitterung, die nur mit großzügigen versöhnungspolitischen Prozessen besänftigt und entmächtigt werden kann.


4.2. Die Wechselbeziehung von individueller und struktureller Gewalt
Damit aber kommen wir zu der Folgerung, daß individuelle Gewaltfaszination nur ihre Attraktivität verlieren kann, wenn zugleich die Korrektur der repressiven Gewalt, der strukturellen Ungerechtigkeiten und Demütigungen in Angriff genommen wird. Jugendarbeitslosigkeit ist nur ein Beispiel unter vielen für die strukturelle Gewalt des ökonomisch-politischen Sektors weltweit. Nicht minder gefährlich sind die Versäumnisse bei der Gewährleistung von schulischer und beruflicher Bildung, auch dies ein globales Problem. Damit werden kommende Generationen zukunftslos gemacht, was ihren Violentismus fördert. Die Gesellschaften der Erde müssen ihren jungen Mitgliedern das deutliche Signal geben, daß sie erwünscht sind und gebraucht werden. Eine Gesellschaft, die sich mehr als um alles andere um ihre Kinder und jungen Menschen bemüht und keine Systeme der Exklusion zuläßt, entzieht den Tendenzen zur Gewaltfaszination ihre verführerische Attraktivität.
Hier muß auch die strukturelle Gewalt, die der Zerstörung der ökologischen Gleichgewichte der Erde innewohnt, einbezogen werden. Wie weiter oben gesagt wurde, ist die Gewalt gegen die Natur auch ein Vergehen an den Zukunftsrechten der nachkommenden Generationen. Damit ist die Vernachlässigung ökologischer Aufgaben ein weiterer Grund für Zukunftslosigkeit. Zukunftslosigkeit aber schafft das beklemmende Gefühl von aussichtsloser und verweigerter Mächtigkeit. Zur Untermacht verurteilt zu sein, provoziert Violentismus.


4.3. Die Öffnung geschlossener Milieus
Wer Ausstiege aus der Gewaltfaszination eröffnen will, muß daran arbeiten, geschlossene Milieus durchlässig zu machen. Denn in diesen Milieus verbinden sich individuelle und strukturelle Gewalt, und beide wirken sich schädlich auf rechtstaatliche und demokratische Strukturen aus. Es geht hier also um zivilgesellschaftliche Empathie, die sich beständig um eine engagierte Infragestellung politischer, wissenschaftlicher, industrieller, aber auch krimineller Machtkartelle bemüht. Welche Signale sind möglich, um Ausstiege aus solchen Milieus zu ermöglichen und welche Gegenerfahrungen lassen sich anbieten? Und wie werden die Berührungsängste überwunden, welche die „ordentlichen“ Bürger und Bürgerinnen von den unliebsamen „Randgruppen“ trennen?


4.4. Nobody Loves a Loser
Die Erfahrungen existenziellen Ungenügens und die Prozesse der De-Individuation werden durch eine Medienkultur verstärkt, welche die Menschen in Gewinner und Verlierer aufspaltet. Abgesehen davon, daß diese dualistische Anthropologie der menschlichen Vielfalt Gewalt antut, ist sie dazu angetan, Leitbilder von „wahren“ und „vollwertigen“ Menschen in die Welt zu setzen, die sich ausschließlich an sportlichen, finanziellen oder sexuellen „Erfolgen“ und „Karrieren“ orientieren. The winner takes all, heißt es darum, und die Gegenseite ist: Nobody loves a loser. Am wenigsten liebt ein Loser sich selbst. Er wird sich selbst verächtlich und muß darum nach Möglichkeiten suchen, sich wenigstens momenthaft oder als Glied einer Gruppe als ein Winner fühlen zu können. So führt die Verherrlichung des Siegers insgeheim zu einer Beschämung der vielen Verlierer. Je härter diese Beschämung sich in die Lebensentwürfe von Menschen, vor allem aber junger Menschen eingräbt, desto härter werden gewaltsame Übergriffe sein.
Es läuft also auch hier wieder darauf hinaus, daß wir in der Welt der Wirtschaft, der Medien und des Sports Leitbilder des Menschlichen benötigen, in denen die Vielfalt der Menschen, ihre Stärken wie ihre Schwächen einen Platz finden können. Daß die Verwundbarkeit zum Wesen der Menschen gehört und nicht verleugnet werden darf, ist eine Einsicht, die gerade auch aus christlicher Sicht immer wieder betont und bewährt werden muß. Es ist nicht die Illusion einer gewaltlosen Welt, die dem Ziel einer Überwindung von Gewalt ihre Energie verschafft. Es ist vielmehr das realistische Eingeständnis der Unvermeidbarkeit von Gewalt im menschlichen Miteinander und im Umgang mit der Natur, das uns dazu bringt, an Bedingungen zu arbeiten, in denen ein Mensch des anderen Freund sein kann.


4.5. [im Buch: „Dabeisein ist alles“ — ]Zur Faszination der Partizipation
Zu den Leitbildern, die unser Verhältnis zur Natur nicht länger bestimmen dürfen, gehören der Machbarkeitswahn und die Faszination der uneingeschränkten Beherrschbarkeit der menschlichen wie der außermenschlichen Natur. Es ist vielleicht diese habituelle Gewalt, deren Überwindung die größten Schwierigkeiten machen wird, weil der moderne Mensch fast vollständig von ihr eingenommen ist. Es ist darum eine hervorragende Aufgabe der christlichen Kirchen, der wissenschaftlichen Theologie und der praktischen Spiritualität, den Wahn des „Wie-Gott-sein-Wollens“ zu entlarven und die darin enthaltene Gewaltfaszination offenbar zu machen.
Wenn der christliche Glaube darauf beharrt, daß die Menschen zum Bilde Gottes geschaffen sind, dann muß er auch darauf beharren, daß sich das Tun und Lassen der Menschen daran messen lassen muß, wie Gott in seiner Schöpfung lebt und leidet. Dann wird um Gotteswillen das Pathos der absoluten Beherrschung der Natur durch die Empathie der Partizipation mit allen Gestalten des Lebendigen ersetzt. [Ergä. im Buch: Der alte olympische Slogan „Dabeisein ist alles“ ist hier am Platz.] Wie wir Menschen mit unseren Verschiedenheiten innerhalb der vielfältigen natürlichen Lebenssysteme leben können, wird dann eine Sache des ergriffenen Staunens, der schöpferischen Neugier und der einfühlsamen Arbeit für eine Weltgemeinschaft, die möglichst vielen ein Leben ohne Mangel ermöglicht.

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